30. Mai 2019

Backsteinkirchen und weitere Gulfhöfe geben Rätsel auf...

Gulfhof in Westerende-Kirchloog. Fassade von 1908 (Maueranker), 
Innengerüst mit Hölzern von 1568 (d)
Am dritten Tag unserer Frieslandreise sind wir im Wangerland und auf der Krummhörn unterwegs. Wir besuchen weitere Gulfhöfe (was sonst?) und einige Kirchen, diesmal nicht mit Granitquadern, sondern Backstein- und Tuffstein-Außenwänden. Die Dachwerke und Gulf-Konstruktionen sind datiert, geben aber mancherlei Rätsel auf und Anlass zu Diskussionen.
Der erste Gulfhof in Westerende-Kirchloog ist noch reetgedeckt und wartet auf seine Restaurierung - die Fördermittel sind beantragt, doch darf vor der endgültigen Bewilligung noch nicht begonnen werden, Architekt und Eigentümer sitzen also in den Startlöchern und scharren mit den Hufen...
Erhard hat das Gebäude dendrodatiert - die Ständer und Deckenbalken wurden 1568 gefällt und gehören damit zu den ältesten Hölzern in einem Gulfhaus überhaupt - doch geben sie noch einige Rätsel auf.
Besprechung mit dem Architekten und dem Bruder des Eigentümers im "Gulf”, 
dem früheren Stapelraum für Getreide in der Mitte des Hauses,
Die auffällig geknickten Kopfstreben sind zweitverwendet, 
vermutlich stammen sie aus einem älteren Dachstuhl mit Knickständern. 
Das tragende Gulfgerüst muss noch ertüchtigt werden, 
daher sind vorübergehend zusätzliche Aussteifungen 
zur Sicherheit während der Bauphase erforderlich. 
Reetdach mit hölzerner Giebelzier 
Der Wirtschaftsgiebel wurde 1908 erneuert und ist durch 
Maueranker mit den Initialen der Erbauer datiert 
(die letzte 8 ist nicht mit im Bild).
Von den früheren Bewohnern werden wir zu ostfriesischem Tee 
und Rosinenweißbrot mit Butter in die geheizte Küche 
eingeladen - ganz traditionell. 
It's tea time - auf ostfriesisch...
... und wir haben uns viel zu erzählen.
Weiter gehts zur Kirche in Victobur - eine typische romanische Backsteinkirche Ostfrieslands. Die Sparren des Dachwerks hat Erhard 1217 +/- 6 datiert.


Ansicht der Kirche von Osten. Der gotische Chor wurde etwa 
100-150 Jahre nach dem Bau des Kirchenschiffes angefügt 
und ersetzte eine romanische Halbrundapsis. 
Südliche Backsteinwand der Kirche - mit vergrößerten 
Fenstern und vermauertem Portal
Inneres der Kirche mit einer historistischen Holzdecke 
des späten 19. Jahrhunderts
Blick in das Dachwerk. Die Sparren sind 1217 +/- 6 datiert, 
doch wurde die Konstruktion seitdem zweimal abgebaut 
und umgezimmert. Der liegende Stuhl wurde 
im 16. Jahrhundert eingebaut.
Gotischer Chor mit Gewölbe des 14. Jahrhunderts. 
Vorn der romanische Taufstein.
Der bemalte Altaraufsatz erzählt die Leidensgeschichte Jesu Christi 
und entstand im 16. oder 17. Jahrhundert - nachdem 
die Kirche lutherisch geworden war. 
Barocke Kanzel aus dem 17. Jahrhundert
Neben der Kirche steht der backsteinerne "Glockenstapel”, 
ein gemauerter freistehender Glockenstuhl.
Weiter geht es nach Rysum - auch hier besuchen wir die Kirche.
Kirche in Rysum mit mächtigem spätromanischem Turm im Osten, über dem früheren Chor
Kleines dörfliches Arbeiterhaus in der Nähe der Kirche 
Dorfidylle in Rysum...
Das Innere der Kirche bietet zunächst das gewohnte Bild: Balkendecke, 
Renaissance-Kanzel von 1584 und als besonderer Schatz....
...eine spätgotische Orgel, die kürzlich auf 1442 datiert werden konnte - 
die älteste noch spielbare Orgel der Welt!
Kirche mit Friedhof von Südwesten 
Turmwindmühle (Galerieholländer) in Rysum 
Mit diesem "Steuerrad" wird die Kappe 
mit den Flügeln der Mühle in den Wind gestellt. 
Mit seiner Drohne macht Bernd einige Luftaufnahmen vom Dorf. 
Rysum ist das am besten erhaltene kreisförmige Wurtendorf in Ostfriesland. Die Höfe sind radial 
in zwei Ringen um die Kirche angeordnet.
Dorfkern von Rysum mit Kirche und Windmühle
Ländlicher Häuptlings- bzw. Adelssitz Osterburg bei Groothusen. 
Vor dem barocken Herrenhaus mit den imposanten Torpfeilern 
spaziert eine Gänsefamilie mit einem Küken vorbei.
Gulfscheune des Adelssitzes mit Maueranker-Jahreszahl 1707
Luftaufnahme des Adelssitzes Osterburg
Die Kirche von Groothusen überfliegen wir nur mit der Drohne... 
Die Backsteinkirche von Visquard - mit freistehendem Glockenturm 
im Osten. Im Vordergrund ein "Fething", ein Regenwasserteich, 
der als Trink- und Löschwasserreserve gebraucht wurde.
Auch diese Backsteinkirche ist romanisch (um 1220-40), 
die Fenster wurden nachträglich vergrößert.
Spätromanische Blendarkaden und Backsteinmuster 
am Treppengiebel des Glockenturms 
Das Innere der Kirche mit Barockorgel, Kanzel 
und dem typischen Kastengestühl 
Hier treffen wir uns mit der Pfarrerin, die sich über 
unser Interesse an der Kirche freut.
Dachwerk mit Sparren des frühen 13. Jahrhunderts und 
später eingestelltem liegenden Stuhl
Achse eines früheren Aufzugrades über dem Kirchenschiff 
Diskussion der Hausforscher im Dachwerk
Kopfband des liegenden Stuhls mit Abbundzeichen (16. Jh.)
Sparrenknechte
Westgiebel der Kirche in Visquard aus der Luft 
Mal was Neues: Das obligatorische Familienfoto 
der Hausforscher als Luftaufnahme mit der Drohne.... 
In Visquard entdecken wir dieses Steinhaus aus dem späten 
16. Jahrhundert mit rückwärtig angebauter Gulfscheune.
Das Gebäude wurde bereits von Wolfgang Rüther untersucht 
und ins späte 16. Jahrhundert dendrodatiert.
Backsteingiebel mit kleinen Pfeilern, Wasserschlaggesimsen 
und Mauerankern 
Ein großer Gulfhof des späten 19. Jahrhunderts
am Ortsrand von Visquard
Inschrifttafel ohne Jahreszahl
Auf der Dorfstraße treffen wir einen Holländer mit seinem Trecker - 
einem "Allgaier System Porsche" von etwa 1955.
Weites Land unter hohem Himmel...
Anschließend besuchen wir Familie Ulferts auf einem 
alten Herrensitz in Upgant-Schott. Das Gebäude besteht 
aus einer großen Gulfscheune von 1704, einem Verbindungsbau 
von 1526 und einem Steinhaus (links) aus dem 
frühen 16. Jahrhundert - alles spätbarock modernisiert.
Gartenansicht des Herrenhauses mit großen 
holländischen Schiebefenstern
Gulfgerüst der Scheune von 1704 mit mächtigen Eichenbalken aus Westfalen (laut Dendro-Untersuchung von Erhard)
Auf dem Gut wird moderne Landwirtschaft 
mit schwerem Gerät betrieben 
Saal im Herrenhaus... 
...mit einer bemalten Holzdecke des Historismus 
Abschied von der gastfreundlichen Familie Ulferts
In Norden besuchen wir das alte Rathaus, in dem sich heute 
das modernisierte ostfriesische Tee-Museum befindet
Schornstein mit holländischen Fliesen im Rathaus
Fliesen mit Jägern oder Soldaten... 
... und einem Bären oder Faultier (!?)
Keller mit Kappengewölben unter dem Rathaus
Saal mit Balkendecke...
... und sog. Sleutelstücken (Schlüsselstücke, Sattelhölzer)
Das Dachwerk des Rathauses von 1549 (d) wurde energetisch 
und brandschutztechnisch saniert - leider wurden dabei 
die Sparren vollständig verkleidet, nur die Kehlbalken 
und Kopfbänder des liegenden Stuhls blieben sichtbar.
In der Verkleidung wurden zwei Sichtfenster angebracht, 
durch die man die Sparren sehen kann - wir sind begeistert!  
Im Rathaus befindet sich die "Theelkammer", der Versammlungsraum der "Theelacht te Nörden (Norden)", einer bäuerlichen Genossenschaft von Grundbesitzern, die als ältester Verein in Deutschland gilt. Nach örtlicher, legendenhafter  Überlieferung soll sie nach der "Normannenschlacht" bei Norden von 884 entstanden sein. Die Theelacht ist eine Markengenossenschaft oder Realgemeinde, wie es sie früher in jedem Dorf gab - darin waren die landbesitzenden Bauern zusammengeschlossen, die den genossenschaftlichen Weideland- und Waldbesitz des Dorfes verwalteten. Die meisten Genossenschaften dieser Art wurden mit den Markenteilungen (Privatisierungen der Gemeinen Marken) im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert aufgelöst.
Wir verabschieden uns von Frau Borchert, der Denkmalpflegerin 
von Norden, die uns das Rathaus gezeigt hat.
Das alte Rathaus in Norden, heute ostfriesisches Tee-Museum
Das "Haus Vienna" in Norden, ein bürgerliches 
Versammlungshaus des 16. Jahrhunderts, das um 1985 
in seinen Zustand zur Bauzeit zurückgebaut (rekonstruiert) wurde. Damit vermittelt es eine gute Vorstellung vom Aussehen der "Steinhäuser" an Gulfhäusern des 16. und 17. Jahrhunderts.
Nur im Giebel blieben die holländischen Schiebefenster 
des 18. Jahrhunderts erhalten.
Die Kirche in Arle in der Abendsonne - der romanische Tuffsteinbau mit einem historistischen Turm
ist unsere letzte Station auf einem langen Exkursiostag....
Heinz fotografiert in Rückenlage - so gelingen ihm 
die besten Fotos, sagt er.
Chor mit spätgotischem Schnitzaltar 
Römische Soldaten (?) im Schrein des Schnitzaltars
Auch hier sehen wir ein Dachwerk mit Sparren des späten 12. Jahrhunderts und später eingebautem liegendem Stuhl 
Geflickter Sparren


Auch hier: Sparrenknechte
Gusseiserne Grabeinfassung auf dem Friedhof 
Außenwand der Kirche aus rheinischem Tuffstein, 
importiertem Vulkangestein aus der Eifel. Zwischen den kleinen 
romanischen Fenstern wurden große gotische Fenster eingebrochen.
Tuffsteinmauerwerk der Apsis - in  einfacher rheinischer Romanik 
Gusseisernes Grabkreuz auf dem Friedhof
Unser abendlicher Treffpunkt in Aurich: Die Gaststätte "Zur Börse” 
(links) bietet gutes Essen, nette Bedienung und ein hauseigenes 
leckeres Braunbier - in einem historischen Haus, das 
unter Denkmalschutz steht. Hier lässt es sich gut essen, 
trinken und bloggen - sehr empfehlenswert!
Entspannte Hausforscher-Runde in der "Börse" in Aurich



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