6. Dezember 2019

Alte Häuser und ein königlicher Platz in Paris

Blick über den Pont d'Arcole auf die Île de la Cité: Hinter der typischen Bebauung des 19. Jahrhunderts erscheinen die Türme von Notre-Dame - das Dach und der Vierungsturm fehlen.
Am Tag nach der Fachwerk-Tagung verabredeten wir uns mit Ibon und Josué, um die Altstadt von Paris - oder was nach den umfangreichen "Sanierungen" unter Präfekt Georges-Eugène Haussmann (1809-1891) ab 1853 davon übrig geblieben ist - zu erkunden. Wir trafen uns an der Place Châtelet am nördlichen Seine-Ufer und warfen einen Blick hinüber zur Île de la Cité mit der Kathedrale Notre-Dame, an der seit dem verheerenden Brand vom 15. April immer noch Sicherungsarbeiten stattfinden. Dann erkundeten wir das Marais, jenes Altstadtviertel östlich des Rathauses (Hôtel de Ville), wo es heute noch bauliche Reste des "alten" Paris zu entdecken gibt.

Das Hôtel de Ville, das Pariser Rathaus, war ein Renaissancebau des 16. Jahrhunderts, der beim Aufstand der Pariser Kommune 1871 niedergebrannt worden ist. Der heutige Neorenaissance-Bau entstand 1874-1882.
Blick vom Nordufer der Seine zur Île de la Cité, im Hintergrund Notre-Dame.
Zwischen den Häusern wird der in einem Sicherungsnetz verpackte Querhausgiebel der Kathedrale sichtbar, dahinter steht immer noch das verglühte Baugerüst über dem abgebrannten Dachwerk. Anstelle des eingestürzten Vierungsturms ragt ein Kran in den Himmel...
Grafitti über den Dächern an einem der typischen breiten Kaminschornsteine
Und dann entdeckten wir zum ersten Mal Fachwerk in Paris: Ein älterer Treppenturm zwischen den Häusern des 19. Jahrhunderts auf der Île de la Cité.
Wir betraten das Marais: In der Rue Francois Miron....

...gibt es zwei Fachwerkhäuser (No. 11 und 13), die den "Stadtumbau" unter Haussmann überlebt haben: die Maison du Faucheur (Haus zum Schnitter, Nr. 11) und die Maison du Mouton (Haus zum Schaf, Nr. 13), mit Freigespärre. Das Fachwerk wurde 1967 freigelegt und teilweise rekonstruiert. Laut Infoschild sollen die Häuser aus dem 14. Jahrhundert stammen, realistischer ist wohl eine Datierung ins 17. Jahrhundert.
In der Rue de Barres No. 12 steht ein weiteres Fachwerkhaus, wohl aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, mit einem früheren Eckerker, von dem die Konsole erhalten blieb. Die Fassade wurde wohl aufgrund von Brandschutzbestimmungen massiv erneuert. Das Haus dient heute als Jugendherberge. Unter der weiten Vorkragung haben sich Obdachlose ein vorübergehendes Nachtquartier gesucht.
Ein Stück weiter an der Rue Francois Miron entdeckten wir das Doppelhaus No. 44-46 mit einer Sandsteinfassade des 17. Jahrhunderts. Das Haus wurde vom Verein "Paris Historique" vor dem Abbruch gerettet und restauriert.
Zwei Damen vom Verein "Paris Historique" informierten uns über die Aktivitäten ihrer Vereinigung. Der Raum hat eine eichene Balkendecke mit "Mutter-Kind-Balkenlage".


In der steinernen Brandwand zum Nachbarhaus gibt es eine Tür mit Kragsteinsturz, links ist die gedrehte Spindel einer hölzernen Wendeltreppe zu sehen.
Unter dem Gebäude befindet sich ein gotischer Gewölbekeller des 13. Jahrhunderts - er gehört zur "Maison Ourscamp", einem früheren Stadthof der Zisterzienserabtei Ourscamp bei Noyon. Foto: www.paris-historique.org
Die Hofseite des Hauses besteht aus Fachwerk - mit einem "privé", einem Aborterker auf viertelkreisförmigem Grundriss. Foto: www.paris-historique.org
Wir verabschiedeten uns von Josué und Ibon, die mit dem Zug zurück ins Baskenland fahren mussten - und erkundeten weiter das Marais...

...heute eine Mischung aus edel restauriertem Altstadtquartier und lebendigem, liebenswertem Kiez.
Zugleich ist das Marais ein traditionelles Wohnviertel vieler Juden in Paris - Mittelpunkt ist die Rue des Rosiers. Vor der Patisserie (Konditorei) Finkelsztain ist ein Rundfunkteam unterwegs.
Vorkragende Gebäudeteile unbekannten Alters in einer Seitengasse an der Rue de Francs Bourgeois erinnern an das mittelalterliche Paris. Ein Plakat mahnt: "Stop le Vandalisme!" - bezogen auf das historische Bauerbe (patrimoine historique).
Das Marais ist bekannt für seine noblen Adelspalais, die "Hôtels particuliers" des 16. bis 18. Jahrhunderts. Eines der prächtigsten ist das Hôtel de Soubise, in dem sich heute das Museum des französischen Nationalarchivs befindet. Hier besichtigten wir eine Ausstellung mit Dokumenten zur französischen Geschichte und eine Sonderausstellung über historische Karten.

Das Hôtel de Soubise wurde 1705-08 für Francois de Rohan, Herzog von Soubise (1630-1712) erbaut. Links blieben zwei Tortürme des mittelalterlichen Vorgängers, des Hôtel de Clisson aus dem 14. Jahrhundert, erhalten.
Das Gebäude besitzt ein prächtiges Treppenhaus...
...und spätbarocke Wohnräume, die von vergangener adliger Lebenswelt künden.
In der Dauerausstellung des Nationalarchivs befinden sich die originalen Schlüssel und ein 1790 gefertigtes Modell der Bastille, mit deren Zerstörung am 14. Juli 1789 die Französische Revolution begann.
Das frühere Hôtel d'Angoulème ist eines der ältesten hôtels particuliers in Paris - es entstand ab 1559. Der Hauptflügel wurde ab 1584 durch Diane d'Angoulème, eine illegitime Tochter des Königs Heinrich II. erbaut, angeblich von dem bekannten Renaissance-Architekten Philibert Delorme. Heute beherbergt es die Bibliothèque Historique de la Ville de Paris.
Place des Vosges, Südseite mit Pavillon du Roi
In der Dämmerung erreichten wir die Place du Vosges (Platz der Vogesen), früher Place Royal, den ältesten der fünf sog. königlichen Plätze in Paris. Der quadratische, 140 x 140 m große Platz wurde 1605 bis 1612 auf Anordnung von König Heinrich IV. mit zwei königlichen Pavillons (Pavillon du Roi, Pavillon de la Reine) und 35 einheitlichen Arkadenhäusern bebaut.
Die Place des Vosges gilt als einer der schönsten Plätze in Paris
Die Bebauung besteht aus 35 gleichförmigen Arkadenhäusern des frühen 17. Jahrhunderts mit Fassaden in "pierre-et-brique"-Mauerwerk.
In den Arkaden der Place des Vosges sind heute viele Kunstgalerien zu Hause.
Nach Einbruch der Dunkelheit entdeckten wir schließlich noch das angeblich älteste Haus von Paris:

Das Haus in der Rue Montmorency 51 wurde laut Inschrift 1407 ("mil quatre cens et sept") von Nicolas Flamel erbaut. Flamel, geboren um 1330 als Sohn konvertierter Juden in Pontoise, war sprachlich gebildet und arbeitete als Kopist und öffentlicher Schreiber in Paris. Er handelte mit kostbaren Handschriften, angeblich gehörte der burgundische Herzog Jean de Berry zu seinen Kunden. Er kam zu Wohlstand, machte mehrere fromme Stiftungen und starb um 1413. Bis heute sind über sein Leben abenteuerliche Legenden im Umlauf: Flamel sei Alchimist gewesen, er habe den "Stein der Weisen" gefunden und Quecksilber in Silber und Gold verwandelt. Heute beherbergt sein Haus, die "Maison du Grand Pignon" (Haus zum Großen Giebel) die "Auberge Nicolas Flamel", ein feines Restaurant.
Spätgotische Steinmetzarbeit an der Fassade, das N steht für Nicolas Flamel.
Wir beschlossen den langen Tag mit einem guten Abendessen zusammen mit Anne Nissen, einer dänischen Professorin für Archäologie an der Sorbonne I in Paris, einer guten Bekannten von Haio. Anne war auch auf der Fachwerk-Tagung dabei.
À suivre...

Text und Fotos: Heinrich Stiewe

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