19. März 2007

Von Krugwirten und Leinenhändlern

Bericht über die 19. Tagung der AG Haus- und Gefügeforschung im LWL-Freilichtmuseum Detmold, 16. - 18. März 2007


Trotz der nur kurzen Vorbereitungszeit von fünf Monaten ist es Heinrich Stiewe gelungen, im Freilichtmuseum Detmold eine wohlorganisierte Tagung mit einem umfangreichen Programm auf den Weg zu bringen, die mit knapp 90 Teilnehmern zudem noch gutbesucht war. Hatte ich auch zunächst Zweifelwegen des Termins vor der Frühjahrsöffnungdes Museums, so war doch das noch winterlich-stille Museum ohne Besucherverkehr einbesonderes Erlebnis, und das neue Museumsrestaurant „Im Weißen Ross” (Haus aus Obermarsberg mit zwei Utluchten von 1698) mit dem angeschlossenen Tagungsssaal im„Hof Kuhlmeier”, einem eindrucksvollen lippischen Flettdielenhaus von 1559 (d) konnten wir so exklusiv nutzen. Die Führung von Dr. Heinrich Stiewe und Dr. Hubertus Michels zu ausgewählten Bauten des Museums (Lippischer Meierhof von 1570, Branntweinbrennerhaus Stahl aus Gütersloh von 1731 und das im Aufbau befindliche Haus der jüdischen Familie Uhlmann aus Höxter-Ovenhausen von 1805) war exzellent und bot selbst regelmäßigen Besuchern des Freilichtmuseums unter uns neue Informationen. Der Freitag klang mit einer geselligen „Abendsitzung” im Restaurant „Schlosswache” in Detmold aus.

Führung durch das Freilichtmuseum Detmold, für die schon am Freitag angereisten Tagungsteilnehmer.

Backofen auf einer Holzkonstruktion
Gräftenspeicher
Mäusepfeilerscheune mit einer "Parkmöglichkeit für leere Ackerwagen
Lippischer Meierhof von 1570
Herdstelle
Diele mit Blick auf die Grootdör
Diele mit Blick auf die Herdwand
die Museumsgebäude in der regnerischen Landschaft
Zwei Häuser im Paderborner Dorf des Detmolder Freilichtmuseums – noch im Winterschlaf.
Kirchhofspeicher

Museumsrestaurant „Im Weißen Ross”(links) mit dem angeschlossenen Tagungsssaal (rechts) im„Hof Kuhlmeier”, einem eindrucksvollen lippischen Flettdielenhaus von 1559 (d).
Das im Aufbau befindliche Haus der jüdischen Familie Uhlmann aus Höxter-Ovenhausen,
gebaut 1805. Der vordere Teil des Hauses, ca. bis kurz vor den Schornstein, wurde komplett p. Tieflader ins Museum gebracht, sodaß originale Anstriche, Putze und Tapeten erhalten werden konnten.
Das Programm am Samstag, 17. März war mit 16 Vorträgen von 30 Minuten Dauer, Pausen und Diskussionen schon offiziell 10 1/2 Stunden lang. Viele der übrigen Teilnehmer waren mit Wortbeiträgen beteiligt; gerade die aktive Beteiligung so vieler Zuhörer macht unsere Treffen so attraktiv. Mit kurzen Grußworten waren vertreten: Dr. Jan Carstensen als Leiter des Detmolder Freilichtmuseums und Hausherr, der den für ihn erstaunlich guten Besuch der Veranstaltung hervor hob und auf neue Projekte des Museums hinwies. Prof. Dr. Michael Goer als Vorsitzender des Arbeitkreises für Hausforschung (AHF) betonte seine Freude über das Vorhandensein starker Netzwerke und lebendiger Regionalgruppen, die er mit seiner Beteiligung nach Kräften unterstützen will, und Dr. Dietrich Maschmeyer als Bundesvorsitzender der IGB freute sich über die Vielzahl an Vorträgen zu diesem Thema.

So manches interessante Schnäppchen an Hausforscher-Literatur bot der Büchertisch.

Die Vorträge des Vormittags
  • Das Einleitungsreferat hielt Dr. Heinrich Stiewe: Historische Wirtshäuser und Bauten ländlicher Gewerbetreibender. Es ging ihm – wie später noch vielen anderen Vortragenden auch – um die Frage der Erkennbarkeit eines Hauses in seiner Funktion als Krug. Augenfällig sind dabei Symbole wie Humpen und Gläser auf dem Torbogen (nicht übrigens„Krüge“, da der Name für die Gefäße etymologisch nicht den gleichen Wortstamm hat wie „Krug” als Synonym für Gaststätte, so ein Diskussionshinweis von Dietrich Maschmeyer). Die überlieferten Namen der Krüge unterscheiden sich nach topographischen Namen („Oberer” und „Niederer” Krug, „Kreuzkrug” an einer Kreuzung u. a.), Gründernamen („Ottenkrug“, „Bartholdskrug"), sog. Schildnamen (oft mit landesgeschichtlichem Bezug, so ist z. B. der Name der Museumsgaststätte „Im Weißen Ross” um 1750 im Fürstbistum Paderborn bezeugt, das weiße Pferd ist noch heute das Wappen Westfalens) und nach der Sorte des ausgeschenkten Bieres („Hämelscher Krug” – Hamelner Bier). Verbunden mit den Krügen waren Brau- und Brennrechte, letztere meist erst seit dem 30-jährigen Krieg. Besonders große und alte Gebäude waren die Kirchspielkrüge, die seit dem frühen 16. Jahrhundert nachweisbar sind und oft auch auf Kirchland standen. Mit zwei Häusern von ländlichen Leinenhändlern und dem Haus eines jüdischen Kaufmanns aus Schötmar von 1758 stellte er auch Bauten ländlicher Gewerbetreibender vor. Früher als in den Bauernhäusern sind bei den Krügen Gewölbekeller oder Stuben mit Ausluchten anzutreffen, und überhaupt beobachteten Stiewe und andere Referenten einen Innovationsvorsprung der Gasthäuser, die bereits Jahrzehnte früher z. B. zum Massivbau übergingen.
  • Dr. Lutz Volmer: Krüger, Commerzianten, Leinenhändler. Bauliche Befunde aus dem preußischen Ravensberg. Im Ravensberger Land, der preußischen Provinz im östlichen Westfalen zwischen Gütersloh, Bielefeld und Herford, waren die Krüge um 1700 in großen Hallenhäusern untergebracht. Volmer fand weitere konstruktive Besonderheiten im Kammerfach (massive Wohnteile im frühen 19. Jahrhundert) und auffällig häufig eine Dreiständrigkeit der Kruggebäude. In alten Bauzeichnungen wertet er den Eintrag eines Tresens als Hinweis auf die Krugfunktion. Auffällig häufig in der Region waren Krüge in Häuslingshäusern anzutreffen, wobei die Konzession am Bewohner des Hauses und nicht am besitzenden Hof haftete, was Anlaß zu Diskussionen gab.
  • Dr. Dietrich Maschmeyer: Wirtshäuser im Emsland und Münsterland. Er hob eine – im Lauf der Tagung häufig bestätigte – Beobachtung hervor, daß nämlich Wirtsleute und Gäste in sehr enger Gemeinschaft zusammenleben mussten und es eine Privatsphäre für die Wirtsfamilie auf Grund der baulichen Befunde nicht gegeben haben kann. Der Gastraum war zugleich Küche und Wohnraum der Familie. Er zeigte Beispiele für das Wirtshausschild über der Eingangstür zur Gaststube als universelles Erkennungsmerkmal eines Gasthauses. Ein Befund aus dem 19. Jahrhundert war die historistische Deckenbemalung eines Saals. „Zeche mäßig, zahle baar” war einer der Wünsche, die der Wirt seinen Gästen dort vor Augen hielt.
  • Dr. Thomas Spohn: Gasthäuser an der Straße – Der Hellwegraum. Dieser exzellente Vortrag führte die Zuhörer entlang der alten West-Ost-Verbindung des Westfälischen Hellweges durch mehrere Zeitabschnitte und Bauformen. Begründet war die Bedeutung dieses Weges u. a. durch reiche Salzvorkommen zwischen Unna, Soest und Salzkotten, die sich auch in der landesherrschaftlichen Vielfalt (fünf Herrschaften, die sich auf kurzer Strecke abwechselten) niederschlug. Wegen der katastrophal schlechten Wegverhältnisse kam es nach 1780 zum Kunststraßenbau (Chausseebau) auf neuer Trasse, der zum Neubau sämtlicher ländlicher Gasthöfe an der Strecke zwang. Die Straße war 1827 als Verbindung Köln-Berlin (heutige Bundesstr.1) fertiggestellt, verlor aber schon nach 30 Jahren durch die neue Eisenbahn wieder stark an Verkehrsfrequenz, was die Gasthäuser unprofitabel werden ließ. Nun entstanden neue Ausflugsgaststätten mit großen Saalanbauten an den Eisenbahnhaltepunkten. Das gleiche Schicksal ereilte aber bald auch diese neuen Einrichtungen, als mit der Motorisierung der Verkehr wieder auf die Straßen zurückkam. Dieses erforderte wiederum neue Investitionen z. B. in Tanksäulen und eine Anpassung an den Bedarf einer gehobenen Kundschaft, für die z. B. ein großes Dielentor eher abschreckend als einladend gewirkt haben soll. Schon im 18. Jahrhundert sollten die Wirtshäuser von außen Gediegenheit und gehobenen Standard ausstrahlen, was zum Bau von Mansarddächern führte. Insgesamt sind am Hellweg nur wenige Krüger reich geworden.
  • Knut Hose: Vom Krug zur Gaststätte – Wirtshäuser im Wendland im ausge-henden 19. Jahrhundert. Im Wendland sind trotz guter Aktenlage nur sehr wenige alte Krüge archivalisch überliefert. Der Autor diskutierte, ob die „Burstaven” (dörfliche Gemeinschaftshäuser) diese Funktion erfüllt haben könnten und zeigte erstmals ein Bilddokument für einen solchen Bau in der Mitte eines Rundlingsdorfes. Erfand aber für den Ort Krummasel bereits im 14. Jahrhundert einen Krug erwähnt, der in diesem großen Kirchdorf mit Anschluß an eine Heerstraße über die Jahrhunderte nachweisbar blieb. Er zeigte dann eine große Zahl nicht mehr betriebener und dem Untergang geweihter Dorfkrüge des 19. Jahrhunderts mit erhaltenen Interieurs und originellen Wandbemalungen.
  • Dr. Carsten Vorwig: Ein Wirtshaus wie das andere... Grundzüge von Bau- und Raumprogramm ländlicher Gast- und Schenkwirtschaften im 19. Jahrhundert. Der Referent hat seine noch ungedruckte Dissertation dem Thema der ländlichen Gasthäuser gewidmet und konnte so aus einem reichen Schatz an Befunden auswählen. Grundsätzlich sind Gastwirtschaften (mit Übernachtungsangebot) von Schankwirtschaften (nur Ausschank) und Schenken (nur Getränkeverkauf in geschlossenen Gebinden) zu unterscheiden. Den Begriff „Café” kann Vorwig erstmals 1914 nachweisen. Die bauliche Entwicklung begann im 18. Jahrhundert mit den Längsdielenhäusern und führte am Ende des Jahrhunderts zur Verlagerung des Schankraums und der Fenster in den Vordergiebel mit Ablösung des großen Tors durch normal dimensionierte Eingangstüren. Im frühen 19. Jahrhundert wurden traufständige Krüge als Querdielenhäuser gebaut, die um 1900 von freistehenden Wohnhäusern mit separaten Nebengebäuden abgelöst wurden. Auch kam es zu einer Differenzierung des Raumangebotes: Mehr Räume entstanden mit dem Ziel der sozialen Separierung mit Rücksicht auf wohlhabende Gäste.

Die Vorträge des Nachmittags begannen mit 
  • Dr. Nils Kagel: Das Pfarrwitwenhaus aus Marschacht, Lkr. Harburg. Am Beispiel dieses Gebäudes, das heute im Freilichtmuseum am Kiekeberg als Museumsgaststätte dient, berichtete der Referent über die von häufig wechselnden Vermietungen und gewerblicher Nutzung geprägte Geschichte dieses 1698 erbauten kirchlichen Gebäudes. Eine Nutzung als Krugwirtschaft ist seit dem 19. Jahrhundert belegt; der heutige Name „Stoof MuddersKrog” erinnert an die Witwe des Totengräbers Heinrich Stoof, die hier als Wirtin tätig war.
  • Dr. Bernd Adam: Der Erichsburger Amtskrug von 1742. Der eingeschossige massive Neubau dieses Kruges, den der hannoversche Hofarchitekt Johann Paul Heumann errichtete, entstand unter der Verwendung von Bauskulpturen und anderen Spolien aus dem Abbruch von Ziergiebeln des benachbarten Renaissanceschlosses Erichsburg. Ausgehend von den Baubefunden gelangte er nach Auswertung der Archivalien und unter Hinzuziehung biographischer Angaben zu der Hypothese einer gezielten Integration historischer Architekturelemente. Er bat abschließend um Mitteilung vergleichbarer Befunde.
  • Dr. Fred Kaspar: Ein Palasthotel auf demLand: Caspar Heinrich von Sierstorpff projektiert einen Kurort. Eindrucksvoll schilderte der Referent, wie der Braunschweiger Unternehmer Graf v. Sierstorpff ab 1780 als Pächter und späterer Eigentümer des Gesundbrunnens von Driburg im Fürstbistum Paderborn hier einen umfangreichen Komplex aus Brunnenhaus, mehreren Badelogierhäusern, Kursaal und Küche sowie einer Reithalle mit Pferdeställen für zahlungskräftige Badegäste aus der „besseren Gesellschaft” selbst entwarf und errichtete. Kaspar stellte das 1794-97 erbaute Badelogierhaus II als Beispiel eines frühen „Palasthotels” vor –ein dreigeschossiger, sehr großzügiger Bau mit 13 Achsen, 16 Baderäumen im Erdgeschoss und 32 Gästezimmern, die als elegante, tapezierte „Suiten” von je drei Räumen vermietet werden konnten. Die gut gepflegten Anlagen von Bad Driburg befinden sich bis heute im Besitz der Grafen v. Sierstorpff.
  • Gunnhild Ruben: Die „Braunschweiger Türme”. Straßengasthäuser an der mittelalterlichen Landwehr. Über die 1384 bezeugte, aus drei Gräben und zwei Wällen mit dicht verflochtenen Hecken bestehende mittelalterliche Landwehr der Stadt Braunschweig berichtete „IGB-Urgestein” Gunnhild Ruben. Insgesamt sieben Straßendurchgänge waren mit steinernen Türmen gesichert, an denen sich bald Gasthäuser entwickelten. Einige „Türme” bestehen noch heute als Traditionsgaststätten, die besonders zur Spargelzeit gern besucht werden.
  • Josef Pollmann: Die „Waldlust” in Neheim/Sauerland – von der Restauration zur Tierarztpraxis 1900-1995. Der Referent schilderte ein typisches vorstädtisches Ausflugslokal mit Bier- und Kaffeegarten, dessen erhaltenes Jugendstilgebäude später unterschiedlichen Zwecken diente.
Die folgende Sektion blickte über Nordwestdeutschland hinaus nach Mittel- und Süddeutschland, wie es bei der AG Haus- und Gefügeforschung mittlerweile gute Tradition ist; zunächst wurden zwei Museumsprojekte vorgestellt:
  • Dr. Ralf Nitschke: Die Schankwirtschaft „Martinsklause” aus Reinsfeld im Freilichtmuseum Hessenpark und 
  • Dr. Michael Schimek: Gepflegte Bürgerlichkeit. Die Kegelbahn Kaienburg aus Wittlich. Nitschke berichtete über einen typischen hessischen Dorfgasthof des 18. Jahrhunderts, der im Freilichtmuseum Hessenpark im Zustand der1950er Jahre mit Jukebox, Flipperautomat und „Kuschelecke” wiedererrichtet werden soll. Dagegen zeigte Schimek eine Kegelbahn des 19. Jahrhunderts mit einer prächtigen historistischen Fassade, die im Rheinland-Pfälzischen Freilichtmuseum Bad Sobernheim wiederaufgebaut worden ist und von den Besuchern genutzt werden kann.
  • Karen Gross: Kneipen in herben und milden Zeiten am Beispiel Breitenheim. Die Referentin schilderte die Wirtshäuser und das gesellige Dorfleben dieses Weinbauortes in Rheinland-Pfalz mit Gebäuden des 18. bis 20. Jahrhunderts.
  • Die Sektion beschloss Herbert May M.A.: Gasthäuser im nordbayerischen Raum. Der am Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim tätige Referent gab einen eindrucksvollen Überblick über die reiche Wirtshauskultur Frankens mit Beispielen des 16. bis frühen 20. Jahrhunderts. Auffallend war auch hier die Größe und hohe Qualität der Wirtshausbauten; noch deutlicher als in Norddeutschland ließ sich hier beobachten, dass bei den Wirtshäusern bauliche Innovationen wie etwa der massive Sandsteinquaderbau bis zu 100 Jahre früher eingeführt wurden als bei den Bauernhäusern. Ähnlich wie Heinrich Stiewe oder Knut Hose wies auch May auf die zahlreichen Leerstände vonbaugeschichtlich bedeutenden Wirtshäusern infolge des Strukturwandels hin – ein bedrückendes Problem der ländlichen Bau- und Denkmalpflege.
  • Zum Abschluss des langen Vortragstages folgte noch ein spannender gefügekundlicher Forschungsbericht von Peter Barthold: Was war vor Windheim No. 2?–Der Referent stellte mehrere kürzlich entdeckte Hallenhausgefüge des frühen 16. Jahrhunderts aus dem Raum Petershagen (Kr. Minden-Lübbecke) mit interessanten konstruktiven Befunden vor. Trotz der fortgeschrittenen Zeit entstand hieran die angeregteste Diskussion des Tages, die wieder einmal den hohen Reiz dieses Forschungsansatzes unterstrich – Gefügeforschung ist nach wie vor in Nordwestdeutschland auf dem Lande „most sexy”. Beim anschließenden Bier wurde scherzeshalber die Arbeitsgruppe 1530 +/- 10 gegründet.
Zum Tagungsende bedankte sich Adolf Braasch im Namen der Anwesenden bei Heinrich Stiewe für die Vorbereitung der Tagung und überreichte einen handsignierten „Feierabendziegel” von 1891, den der Wanderziegler August Brand aus Almena im Fürstentum Lippe auf der Ziegelei in Kirchboitzen (bei Walsrode) hergestellt hatte. Für 2008 wurde der 4. – 6. April als Termin und das Nederlands Openluchtmuseum Arnheimals Tagungsort festgelegt. Thema wird sein:„Landwirtschaftliche Bauten im Nordwesten1930-1950”. Für 2009 haben uns die Freunde aus dem Wendland zu sich eingeladen.

Die Exkursion 
am Sonntag, 18. März führte mit zwei Bussen durch den Truppenübungsplatz Senne bei Augustdorf bis an den östlichen Rand des Münsterlandes und weiter ins Ravensberger Land zwischen Gütersloh, Bielefeld und Herford.

Ein 1993-95 umgesetztes und nach wie vor als Baudenkmal eingetragenes Bauernhaus in Gütersloh-Spexard, das jetzt als Dorfgemeinschaftshaus („Spexarder Bauernhaus”) dient, bot so spannende Befunde, daß nach 45 Minuten mit Macht zum Aufbruch gedrängt werden mußte. Der ehemalige Hof Meier to Berens birgt ein sensationelles Flett mit hohen Luchten von 1536 (d) und einen Dielenteil von 1572 (d), der möglicherweise aber erst mit den Außenwänden von 1781 (i) in Zweitverwendung dem alten Flett hinzugefügt worden ist. Bereits der Bau von 1536 hatte ein Kammerfach und besitzt als einmalige Rarität mit Ornamenten verzierten Preßstuck in einer Kammer an der Rückseite der Herdwand. Der wieder verwendete Herdwandbalken zeigt die Spuren einer ehemaligen Verbohlung und stammt noch aus dem 15. Jahrhundert. Die Führung hier hatte Dr. Christoph Dautermann übernommen, der den Bau vor der Translozierung untersucht hatte.

Gütersloh-Spexard, ehem. Hof Meier to Berend. Das heruntergekommene Haus (außen
wesentlich geprägt durch den letzten Umbau 1781) wurde durch einen Förderverein von 1993 – 95 an diesem neuen Standort wiederaufgebaut und wird heute als Dorfgemeinschafts- und Heimathaus genutzt.
Das Dielengerüst im Detail
Wohn- (1536) und Wirtschaftsteil (1572) des Hauses in Spexard stammen aus unterschiedlichen
Jahren und treffen an Flett und Diele aufeinander.
Dielenbegehung
Ein einzigartiger Befund aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. blieb auf der Rückseite der Herdwand auf dem Kornboden erhalten: Rosetten und rautenförmige Ornamente aus Preßstuck.
In Isselhorst (jetzt Ortsteil von Gütersloh) kehrten wir in der Gaststätte „Zur Linde”ein, die in fast unglaublicher Weise Befunde der Erbauungszeit 1677 bewahrt hat. Dort übernahm Dr. Fred Kaspar die Erläuterungen. Das große Querdielenhaus am Kirchplatz hatte zwei Dielentore, die in den Stallteil und in eine Wohndiele (Schankdiele) führten; letztere besitzt noch heute eine einzigartige Fensterfront aus über 3 m hohen Holzpfostenfenstern aus der Bauzeit des Hauses mit Bleiverglasung, teilweise aus grünem „Waldglas”.
Das Gasthaus „Zur Linde” in Gütersloh-Isselhorst lag an der ursprünglichen alten Fernstraße von Gütersloh nach Bielefeld und war auch Poststation. 
Die Ansicht der Fassade wird geprägt durch die außergewöhnlich vielen Fenster der Gaststube. 
Hinter der rechten Dieleneinfahrt ist heute ein kleines Feuerwehrmuseum des Wirtshausbesitzers.
Seit 1873 ist der Gasthof „Zur Linde” im Besitz der Familie Ortmeyer
Seit dem 17. Jahrhundert werden hier im Schankraum, mit der grosszügigen Belichtung, Gäste bewirtet.
Beim anschließenden Ortsrundgang besichtigten wir die „Holtkämperei”, ein Dreiständerhaus von 1623, das von einer örtlichen Initiative behutsam restauriert wird. Im Innern der nachträglich schmaler gemachten Diele beeindruckte das mächtige Fletträhm einer hohen, später zugesetzten Lucht.
Im Ortskern von Isselhorst, in der Nähe der Kirche, konnten wir dieses in der Sanierung befindliche Dreiständerhaus von 1623 besichtigen.
Die Exkursionsteilnehmer/innen lauschen den Ausführungen zur Baugeschichte und zur beabsichtigten behutsamen Restaurierung.
Aufzugrad unter dem Dach.
Im Haus gibt es seltene Befunde von Decken- und Balkenbemalungen.
Anschließend besuchten wir den mit dem Hof Meier zu Isselhorst (seit 1456 im Besitz der Meierfamilie Mumperow) die „Keimzelle” des Dorfes. Der zweistöckige Wohnteil des Haupthauses von 1773 (der große Vierständer-Wirtschaftsteil war 1960 abgebrannt) bot eine beeindruckende Ausstattung mit historischen Türen und altem Mobiliar. Die Scheune des Hofes von 1802 wurde gerade restauriert. Im Garten imponierte ein großer tafelförmiger Granitstein, der als Gerberstein an den Betrieb einer Lohgerberei im 19. Jahrhundert erinnerte.

Der dritte Hof, den wir in Isselhorst besichtigen konnten, hier ein historisches
Foto des 1960 abgebrannten Hauses. Seit Mitte des 19. Jh. wurde hier eine Gerberei betrieben.


Scheune in der Restaurierung
Über den Bielefelder Pass überquerten wir den Teutoburger Wald, der hier heute durchden „Ostwestfalendamm”, die vierspurige Bielefelder Stadtautobahn, durchschnitten wird.

In Jöllenbeck (jetzt ein Ortsteil nördlich von Bielefeld) besichtigten wir das im Umbau befindliche Leineweberhaus Brünger, einen Dreiständerbau von wahrscheinlich 1727 mit An- und Umbauten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. In der großen, durch einen „Ausstich” (Vorbau mit Schleppdach) erweiterten Stube standen der Überlieferung nach vier Webstühle. Eindrucksvoll sind der reiche Schmuck des Fachwerks mit Knaggen und ein Sandstein-Küchenkamin von 1838.
Leineweberhaus in Bielefeld-Jöllenbeck, links in der Sanierung das Haupthaus von 1727, rechts das sanierte Heuerlingshaus von 1801.
Ansicht von der Rückseite
typische Inschrift in dieser Region
die in der Sanierung befindliche Diele
In Elverdissen (jetzt Stadt Herford) konnten wir schließlich das Haupthaus des früheren Hofes Wißmann von 1808 besichtigen, das in langjähriger Arbeit von dem jetzigen Besitzer Winfried Rother renoviert worden ist. Die dabei erreichte Qualität der Tischlerarbeiten und die konsequente Beibehaltung bzw. Wiederherstellung des Zustandes der Erbauungszeit dieses großvolumigen Hauses nötigte uns großen Respekt ab. Die Ravensberger Bauten wurden von Dr. Lutz Volmer präsentiert, der der beste Kenner der dortigen ländlichen Bausubstanz und langjähriges Mitglied unserer Arbeitgemeinschaft ist.
Authentisch, mit der notendigen Sensibilität restauriertes Flettdielenhaus von 1808 in Herford-Elverdissen.
Schreckmaske über der Grootdör
Dielenbesichtigung
das restaurierte  Flett 
rekonstruierte Licht- und Luft-Öffnungen




Heinrich Stiewe und den anderen Beteiligten vom LWL-Freilichtmuseum Detmold ist sehr zu danken für die informative, gut organisierte und in angenehmer Atmosphäre verlaufende Tagung.

Wolfgang Dörfler, IGB

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