18. Januar 2012

Kniehölzer - die Ahnen von Kopfbändern und Knaggen

krumme Hölzer waren die wesentlichen Bauelemente der Wikingerschiffe
dieses Knieholz trägt die Vorkragung eines Lagerhauses im Brygge-Viertel in Bergen, die schmalen Gänge sind so stützenfrei nutzbar 
Knieholz nennt man natürlich gewachsenes, krummes niedriges Gehölz. Knieholz, das sind aber auch gewachsene Knaggen bei denen man die natürliche Stabilität des krummen Wuchses für die Aussteifung von Holzkonstruktionen nutzt. Am bekanntesten sind die krummen Hölzer, die für die Spanten der Wikingerschiffe benutzt wurden. In den skandinavischen Schiffsmuseen sind die geborgenen Wracks mit vielen Beispielen dieser tausendjährigen Kunst der Krumm- oder Knieholzverwendung zu bewundern.
Kaum bekannt ist die Verwendung dieser urtümlichen Bauteile an historischen Gebäuden, die hier zur Aussteifung, aber auch als tragende Elemente eingesetzt wurden. Man kann sie durchaus als die Ahnen der uns heute bekannten Kopfbänder als aussteifendes Element und der Knaggen als tragendes Bauteil ansehen.
Ein beeindruckendes Beispiel findet sich in Honfleur in der Normandie. Hier steht die größte Holzkirche Frankreichs, "Sainte Catherine", gebaut 1468, mit einem dazugehörigen freistehenden Fachwerk-Glockenturm. In der unteren Halle des Turmes stolpert man fast über den waagerechten Schenkel eines in seinen Ausmaßen beeindruckendes Knieholzes, das die Fachwerkkonstruktion aus dem 16. Jh. (eine genauere Datierung zum Baudatum war nirgends zu finden) aussteift.
Ganz anders sehen die Kniehölzer in der Norwegischen Stadt Bergen aus. Hier liegt direkt am Kai des Ostseefjords das Weltkulturerbe Brygge, das von den deutschen Hansekaufleuten im Mittelalter gegründete Quartier mit den repräsentativen Kaufmannshäusern und den dahinter liegenden mehrgeschossigen Lagerhäusern in Blockbauweise, die durch schmale Gassen voneinander getrennt sind. Die weit vorkragenden Obergeschosse werden getragen von geschoßhohen Kniehölzern - so können die schmalen Gänge ohne störende Stützen genutzt werden.
Das gesamte Brygge-Viertel in Bergen wurde nach einem Totalverlust durch Feuer im Jahr 1702 wieder aufgebaut. Die Blockbauten wurden in der alten Bau- und Konstruktionstechnik des 14. Jahrhunderts neu errichtet, ohne daß neuere Einflüsse hier im Südwesten Norwegens einfließen konnten und so diese archaische Bauweise beibehalten wurde.
Auch in Bergen, in dem kleinen Stadtmuseum "Gamle Bergen Museum" mit städtischen Gebäuden der letzten zwei Jahrhunderte, finden sich in einer Scheune aus dem 18. Jh. die gleichen Kniehölzer, wie im Brügge-Viertel, aber hier als aussteifendes Bauteil.
Etwas weiter südlich an der Westküste Norwegens, nahe Stavanger gibt es das Jærmuseet. Neben dem ausgezeichneten Museumszentrum betreibt das Museum mehrere historische Außenhöfe. Auch hier in einer Scheune des Hofes direkt am Museumszentrum ist ein Quergebinde der Scheune mit Kniehölzern ausgesteift und in der Konstruktion der Quereinfahrt sind, offensichtlich bei einer Reparatur, neuere Kniehölzer eingebaut.
In Südwestjütland, in Dänemark werden (2011) zwei Rekonstruktionen nach archäologischen Befunden aus der Wikingerzeit vom Hedeby-Haustyp aufgestellt. Dieser Haustyp 
(das sind die Konstruktionen mit den schrägen haushohen Stützen an den Traufwänden) stammt aus der alten Handelsstadt Haithabu. Hier finden sich - sicherlich die Rekonstruktion eines Befundes - Kniehölzer im Winkel von Firstständer und Firstpfette, die einzigen Aussteifungen im Längsverband dieser Pfostenbauten.
Auch in England scheinen die natürlich gewachsenen winkelaussteifenden Hölzer nicht unbekannt zu sein. An einem Fachwerkgerüst aus wiederverwendeten Hölzern, das neben einem Herrenhaus steht, finden sich diese Bauelemente. 
der einzeln stehende Glockenturm. aus dem 16. Jh. gehört zur spätgotischen Holzkirche Ste-Cathérine in Honfleur, die 1468 von einheimischen Schiffsbaumeistern erbaut wurde …
… aussteifendes Knieholz im freistehenden Glockenturm in Honfleur in der Normandie
Tyske Brygge, das alte Hanseviertel in Bergen/Norwegen …
… unten am Kai die Kontorhäuser, dahinter, immer wieder angebaut, die Lagerhäuser und dahinter freistehend die in Stein gebauten Küchen- und Versammlungshäuser, in denen es offenens Feuer geben durfte …
… schmale Gänge zwischen den Lagerhäusern …
… die Verbreiterung der Obergeschosse wird von …
… diesen geschoßhohen Kniehölzern getragen …
… so daß die schmalen Gänge stützenfrei begehbar sind …






auch in dieser Scheune in Bergen …
… aussteifende Kniehölzer im Querverband - neben aufgenagelten  Kopfbändern
Museums-Scheune in der Nähe von Stavanger …
… auch hier diese natürlichen Winkelhölzer …
… im Querverband …

… und jüngere Bauteile (Reparatur?) …
… in der Quereinfahrt 
Rekonstruktion eines Hauses vom Typ Hedeby, im Wikingermuseum Bork, Westjütland/Dänemark …
… die natürlichen Winkelhölzer sichern hier den Längsverband der Pfostenbauten
Naturkrumme Queraussteifung einer Scheune im kleinen Museum Himmelsberga auf der schwedischen Insel Öland.
auch in England sind Kniehölzer bekannt …
… hier wohl als neuere Zutat 
im Focke-Museum in Bremen steht dieses Vorderteil eines spätmittelalterlichen Flusskahns, der in der Weser gefunden wurde …
… als Spanten kamen auch hier dicke, naturkrumme Hölzer zum Einsatz
in einem Speichergebäude in einer südnorwegischen Kleinstadt
Eine Tür mit Aufhängung aus Krummen hölzern im Wikingermuseum Bork in Südjütland in Dänemark
Gerät zum Flachs brechen, aus einem naturkrummen Holz, gesehen in Siebenbürgen.

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