21. Februar 2015

The Howick Historical Village – eine ländliches Freilichtmuseum in Neuseeland

Wolfgang Dörfler
Im Viktorianischem Stil kostümierte ehrenamtliche Museumsführerin vor einem Raupo
Wer wie ich an historischen ländlichen Gebäuden interessiert ist, dem wird es auch in Urlaub nicht langweilig: er kann sich vor Ort auf die Suche nach solchen Überbleibseln machen. Und natürlich wird er die Gebäude in ihrer konzentriertesten Form aufsuchen: in den Freilichtmuseen bäuerlicher Gebäude.
In Neuseeland liegt in einem Vorort Aucklands ein solches Freilichtmuseum, das „Howick Historical Village“. Hier sind 33 Gebäude zusammengeholt worden, die die Zeit der „fencible immigration“ präsentieren (Abb. 1). „Fencibles“ (das Wort kommt von defencible gleich wehrhaft) waren die aus Altersgründen entlassenen britischen Soldaten, die in einer Art von Wehrsiedlungen angesiedelt wurden. Hier in der südlichen Umgebung Aucklands stammten viele der Familien aus Irland, das seinerzeit noch zur britischen Krone gehörte.

2. Privat James Hanson´s Tent, das Militärzelt im Museum, die erste Phase der Unterbringung



Zwischen 1847 und 1854 brachten elf Schiffe in einer ersten Welle ca. 2500 Menschen als Siedler mit ihren Familien nach Neuseeland. Die Fencible-Siedlungen wurden bis 1880 wie eine Kette um die neue Landshauptstadt errichtet.
Howick, war die größte davon mit ca. 400 „Cottages“, von denen in situ erkennbar bis heute aber nur eine einzige erhalten blieb. Die Abrisswelle erreichte in den 1960er und 1970er Jahren ihren Höhepunkt. Als Gegenbewegung hat sich 1962 der Verein „Howick & Districts Historical Society Inc.“ gegründet und hat 1964 sein erstes Haus an „Bausonnabenden“ restauriert.
Aber erst 1972 ging es weiter mit dem Museumsaufbau. Nachdem der Stadt Howick eine großes Gelände geschenkt worden war, auf dem Park- und Sportanlagen entstanden - der heutige „Lloyd Elsmore Park“ - entstand dort auch das Freilichtmuseum, das 1980 unter dem Namen „Howick Colonial Village“ mit ca. 20 Gebäuden eröffnet wurde.
1990 wurde der Name in das heutigen „Howick Historical Village“ geändert. Grund für die Umbenennung war eine neue Sensiblität gegenüber der Geschichte Neuseelands, in der neben den europäischen Einwanderern (den Pakeha) gleichberechtigt nach den Maori gefragt und geforscht wurde.
Die Maori waren Zuwanderer von den Polynesischen Inseln und waren bereits im 14. Jahrhundert in Neuseeland angelandet. Z.T. als Schutz gegen sie und z.T. mit ihrer Hilfe wurden diese Siedlungen in der Umgebung Aucklands angelegt. Die verschiedenen Sippen der Maori waren unterschiedlich kriegerisch gegenüber den Neuankömmlingen eingestellt, woraus sich dieses Paradoxon erklärt.

3. Privat John Briody´s Raupo, Hütten aus Palmblättern, von Maoris errichtet


Den weißen Neuankömmlingen war ein Stück Farmland von 5 acre (ca. 20.000 m2) und eine Holzhaus versprochen worden. Kaum eines dieser Häuser war aber bei ihrer Ankunft bereits fertig und so symbolisiert das Militärzelt im Museum (Abb. 2) die erste Phase der Unterbringung.
Die Maoris haben dann gegen Bezahlung Hütten aus Palmblättern errichtet, die im Museum rekonstruiert wurden (Abb. 3).
Als weitere Zwischenstufe wurden Hütten aus Lehmsoden errichtet, die weiterhin mit Bündeln aus Palmblättern gedeckt waren (Abb. 4).
4. Early Settlers Sod Cottage



Die hölzernen Cottages wurden primär als Doppelhäuser gebaut, was im Museum an der unterschiedlichen Farbgebung der Wände schon von außen sichtbar gemacht ist. Es waren nicht wärmeisolierte, reine Kantholz-Bretterkonstruktionen (Abb. 5), deren älteste sogar noch aus dem wertvollen Kauriholz errichtet wurden.



5. Bergungsarbeiten an dem Sgt Barry´s Cottage um 1975
6. Transport der Broidy Cottage ins Museum 1978
Mehr als die Landwirtschaft war im 19. Jahrhundert die Holzwirtschaft der Haupterwerbszweig der Neueinwanderer. Besonders das extrem langsam wachsende Kauriholz, deren Stämme bis zu 30m lang wurden, dabei gradewüchsig und ohne Äste waren, war ein hoch begehrtes Holz im Schiffbau und wurde auch nach Europa exportiert. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die großen alten Bäume ausgerottet. Das von den Bäumen in großen Mengen produzierte Harz war Grundlage der Linoleumindustrie in Europa und Amerika. Es wurde nicht nur von den lebenden Bäumen gewonnen, sondern an alten Standorten im Tagebau aus dem Erdreich gegraben.

Das Museum hat bereits in den später 1960er Jahren seine Gebäude als Großteile oder auch im Ganzen transloziert (Abb. 6). Dabei kam den Handwerker zu Gute, dass es sich bei den Häusern um relativ leichte Holzkonstruktionen handelte, die bei der Erbauung bereits auf kleine Steinsäulen aufgeständert errichtet wurden.
7. Single-unit Cottage mit jüngerem Verandavorbau


Der Hausbau führte von den Doppelhäusern („double-unit cottage“) zu kleinen Einzelhäusern („single-unit cottage“), die bald die typischen Verandavorbauten erhielten (Abb. 7).

Daneben wurde auch für ehemalige Offiziere große, an mehreren Seiten von überdachten Veranden umgebene Häuser gebaut. Alle diese Typen sind im Museum vertreten und auch die ländlichen Gemeinschafts- und Wirtschaftsbauten wie Kirche, Gaststätte, Laden, Molkerei, Schule, Wäscherei, Gerichtshaus und Schmiede.

8. Alter Tapetenbefund durch Bilderrahmen geschützt im Sergant Michael Ford´s Cottage
Viele der Gebäude sind liebevoll und historisch authentisch eingerichtet, wobei auch auf die Bewahrung von Farbbefunden oder Tapetenresten Wert gelegt wurde. Eine originelle Form der Präsentation stellt ein alter Bilderrahmen, da, der über eine erhaltenen Farbbefund angeordnet wurde (Abb. 8).



Der Verein hat zum 50. Jahrestag seines Bestehens eine informative Broschüre herausgebracht, in der die Höhen und Tiefen des Vereinslebens dargestellt sind. Nach einer rasanten Entwicklung zu einer Mitgliederzahl von fast 1000 im Jahr 1980 kamen die Krisen der Generationswechsel und die unausweichliche Professionalisierung der Arbeit in den 1990er Jahren. 
Von den 354 Mitgliedern des Jahres 1998 wurden 79,94% (!) als inaktiv bezeichnet, so dass die ehrenamtliche Arbeit von 70 Menschen geleistet wurde. Trotzdem wurde im Jahr 2002 noch einmal ein großes Translozierungsprojekt in Angriff genommen, die Verschiebung des Hauses Puhi Nui in zwei Großteilen (Abb. 9). 2004 wurde dieses größte Haus des Museums eröffnet, das komplett im Stil der 1880er Jahre eingerichtet werden konnte. 

9. Transport des Puhi Nui Homestead von 1861 im Jahr 2002





















2006 kam das letzte Gebäude hinzu, ein Kuhstall der als historische Holzwerkstatt eingerichtet wurde. Dabei entstand eine der Arbeitsgruppen der Museums, die „Wagon Boys´“, die sich die Restaurierung der verschiedenen im Museum vorhandenen Holzwagen als Aufgabe gestellt haben. Eine weitere Arbeitsgruppe ist die „Textile Group“, die die mehr als 2000 Teile historischer Bekleidungen pflegt und nach modernen konservatorischen Gesichtspunkten aufbewahrt. Weiter wird die Aufgaben „Library and Archives“ ehrenamtlich wahrgenommen und eine „Stalwarts“ Gruppe ist für die zahlreichen Aufgaben im Bereich Pflege von Häusern und Gärten zuständig, die sie oft in historischer Kleidung auch während der Öffnungszeiten des Museums ausführen (s. erstes Foto dieses Artikels).
Die mit großer Liebe und Sachverstand gepflegten Gärten und Anlagen sind ein besonderes Erlebnis im Museum, zumal sich in der Pflanzen- und Vogelwelt ja auch die größten Unterschiede zwischen Neuseeland und Europa finden.





Professionalisiert sind im Museum das „Collection Department“ und das „Education Department“. Auch das Management des Museums wurde mehrfach reorganisiert und ist heute in professionellen Händen. Das Museum kann heute auf gepflegte und wohlsortierte Sammlungen blicken und hat sich eine sehr selektive Sammlungsaktivität verordnet, nämlich nur die Siedlungsphase 1840 bis 1880. Darüber hinaus werden Archivalien und Bilddokumente von regionalgeschichtlicher Bedeutung aus anderer Zeitstellung angenommen. Der Besuch lohnt sich sehr, auch wenn der Weg dahin so weit ist, wie er auf der Erde nur sein kann, nämlich mit einigen Flugumwegen 22.000 km.

Benutzte Literatur:
Alan La Roche M.B.E.: An Introduction to the Howick Historical Village, Auckland 1997.
Judy Wilson: Celebration 50 Years of the Howick & District Historical Society Inc., Auckland 2012.
Sowie das aktuelle Faltblatt zum Museumsbesuch.

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