21. Juni 2017

Ländliches und kleinstädtisches Bauen im Baskenland

Umgeben von moderner Hochhausbebauung: Der Adelssitz Igartza aus dem frühen 16. Jahrhundert in Beasain.
Heute treffen wir uns mit Ibon und Josué, dem Dendrochronologen, um einige ländliche und kleinstädtische Gebäude zu besuchen, unter anderem das älteste Bauernhaus im Baskenland. Wir sind gespannt...

Am Anfang steht der "Palacio" Igartza, ein sorgfältig restaurierter Adelssitz des frühen 16. Jahrhunderts, der mit einer alten Brücke über den Fluss Oria, einer zugehörigen Mühle und einer früheren Hammerschmiede ein eindrucksvolles historisch-frühindustrielles Ensemble bildet. Allerdings sind die historischen Gebäude von modernen Industriebauten und Hochhaussiedlungen umgeben, die keine falschen Vorstellungen von Idylle aufkommen lassen...
Der Adelssitz Igartza wurde im frühen 16. Jahrhundert unter Verwendung von älteren mittelalterlichen Steinbauteilen errichtet. Das kleine Gebäude links ist eine Einsiedlerkapelle aus dem 17. Jahrhundert.
Zu dem Ensemble gehört diese Mühle.
Der Adelssitz Igartza hat einen quadratischen Innenhof mit umlaufenden Galerien vor dem Fachwerkoberstock .
Das Gebäude ist sorgfältig restauriert und wird heute zu kulturellen Zwecken genutzt.
Einige Gefache besitzen noch ihren alten Putz mit Graffiti, hier die Abbildung eines Schiffes, einer spanischen Galeone.
Die historischen Gebäude sind heute von modernen Wohnsiedlungen mit bis zu neunstöckigen Hochhäusern umgeben. 
1984 wurde im Fluss Oria die gut erhaltene Holzkonstruktion eines Mühlenwehrs aus der Zeit um 1560 freigelegt und geborgen. Die eindrucksvolle Konstruktion ist heute in einem Keller neben dem Adelshof zu besichtigen.
Der quadratische Innenhof des Adelspalastes Igartza mit umlaufenden Holzgalerien aus  dem frühen 16. Jahrhundert.
In einem benachbarten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das heute als Hotel genutzt wird, blieb eine alte Apfelweinpresse erhalten - mit drei hölzernen Schraubspindeln.
Wir fahren weiter nach Segura, einem reizvollen kleinen Städtchen auf einem Bergrücken, das von sich selber sagt, die ganze Stadt sei ein Museum. Die befestigte Kleinstadt wird hier wie in Südwestfrankreich als "Bastide" bezeichnet. Segura wurde 1256 von König Alfons X. von Kastilien gegründet, zu dessen Territorium die baskische Provinz Gipuzkoa im 13. Jahrhundert gehörte, um diese gegen Angriffe aus Navarra zu schützen. Die Stadt besitzt viele gut erhaltene Häuser und Paläste aus dem Spätmittelalter und dem 16. und 17. Jahrhundert.
Bliek in die Eingangshalle eines Hauses aus dem 16. Jahrhudet
An vielen Haustoren sind Silberdisteln zum Schutz vor bösen Mächten angebracht - zusammen mit einer Christus-Plakette.
Dieses gut erhaltene und restaurierte Fachwerkhaus aus der Zeit um 1520 beherbergt heute das Tourismusbüro von Segura. Die "Casa Ardixarra" ist eines der besterhaltenen städtischen Fachwerkhäuser des Spätmittelalters im Baskenland.
Hier begegnen uns wieder kunstvoll beschnitzte Balkenköpfe, wie wir sie bereits in der Kirche "La Antigua" in Zumarraga und in verschiedenen Bauernhäusern gesehen haben. 
Die nette Mitarbeiterin des Tourismusbüros erläutert uns das Gebäude.
Haio und Gundel betrachten fasziniert den beschnitzten Balkenkopf, der in der Mitte der Fassade zu sehen ist und zu einem Querunterzug im Innern des Hauses gehört.
Straßenbild in Segura.
Viele alte Haustore sind mit eisernen Ziernägeln und -platten beschlagen. 
Blick in die Kirche des Konvents der Unbefleckten Empfängnis in Segura - eine barocke katholische Kirche mit einem  riesigen, vergoldeten Altar. 
Nach dem Mittagessen besuchen wir diesen Hof, dessen inneres Ständergerüst von Josué auf das Fälljahr 1446 datiert werden konnte - das älteste Bauernhaus des Baskenlandes! 
Im Erdgeschoss befinden sich Viehställe, die heute für Schafe genutzt werden. Die mächtigen Ständer gehören zu dem Hausgerüst von 1446. 
Ein Ständer steht auf drei Fundamentsteinen übereinander.
Die freundliche Eigentümerfamilie zeigt uns das Gebäude und bewirtet uns am Ende mit Cidre und selbst hergestelltem Käse.
Die Ständerkonstruktion im Dachgeschoss des Hauses. Auch hier konnte Ibon Spuren einer früheren Apfelweinpresse beobachten, wie sie für ältere baskische Bauernhäuser typisch ist. 
Das Haus liegt am Hang, der Dachraum ist über eine Hocheinfahrt zu befahren.  
Landschaft in der Umgebung des Hofes - der Berggipfel in der Mitte erinnert uns an das "Matterhorn" des Baskenlandes.
Kleine Berggipfel aus Zement schmücken die Zaunpfosten...
Das folgende Bauernhaus in Albitztur, das wir besuchen, hat einen wunderschönen Garten, der bei Temperaturen von zeitweilig über 40 Grad eine Wohltat ist. Das Haus befindet sich seit seiner Bauzeit 1552 in Familienbesitz, mittlerweile in der 15. Generation.
Dieser 4,50 lange Steintrog ist einer der größten im Baskenland. Er soll der mündlichen Überlieferung zufolge als 12.5 m langer Steinblock als Mitgift mit 13 Ochsengespannen auf den Hof gebracht worden sein, aus dem dann drei große Tröge hergestellt wurden. 
Dieses äußerlich unspektakuläre Bauernhaus liegt bei Albitztur hoch oben am Hang mit einer weiten Aussicht in die Berglandschaft.
Hier stehen heute noch die Kühe im Erdgeschoss. Das hölzerne Innengerüst mit bis zu 10 m hohen Ständern stammt aus dem 15. oder 16. Jahrhundert.
Auf dem Dachboden entdecken wir diese alte Stollentruhe, wohl aus dem 16. Jahrhundert.
Der Hofeigentümer zeigt uns Seile... 
... mit hölzernen Ösen, die er selbst aus gebogenen Taxusästen hergestellt hat. Um die Äste biegen zu können, wurden sie in heißem Wasser biegsam gemacht und mit einem Nagel verbunden - eine traditionelle Technik, die heute weitgehend vergessen ist.
Zum Abendessen besuchen wir auf Empfehlung von Josué das Hotel und Restaurant Larranaga - in einem restaurierten steinernen Bauernhaus des 17. Jahrhunderts. 
Zunächst lassen wir es uns schmecken...
... dann haben wir Gelegenheit, das restaurierte Gebäude zu besichtigen. Das steinerne Haus entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, nachdem Vorgängerbauten zweimal abgebrannt waren. Um vor künftigen Bränden sicher zu sein, wurden Erd- und Obergeschoss vollständig mit steinernen Gewölben überdeckt. Das Gewölbe im Erdgeschoss diente früher als Stall, heute befindet sich hier das Restaurant. 
Auch im Obergeschoss sind der Mittelflur und alle Räume mit steinernen Gewölben versehen. Das Gebäude ist heute ein stilvolles kleines Hotel in Familienbesitz. Es gibt sogar ein Buch zur Geschichte und besonderen Bauweise dieses Hauses, das wir erwerben können. 
Nach einem anstrengenden, aber überaus spannenden Besichtigungstag bei Temperaturen von zeitweilig über 40 Grad sind wir froh, uns abends bei Apfelwein und Bier noch etwas erholen zu können - und der Blog musste ja auch noch geschrieben werden....

Fotos: Bernd; Text: Heinrich

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