27. Mai 2019

Von Bremen über Oldenburg nach Ostfriesland

Das Denkmalamt in der Sandstraße 3 in Bremen - dieses Haus mit mittelalterlichen Bauteilen und einem Saal aus dem 16. Jahrhundert wurde 1744 modernisiert. Die Straßenfassade des früheren Backstein-Giebelhauses ist heute ein spätbarockes Walmdachhaus.
Endlich geht es wieder los - die Hausforscher reisen wieder! Unsere mittlerweile 15. Reise ist nur eine kleine Tour - wir sind eine Woche vom 27. Mai bis 2. Juni 2019 in Ostfriesland und Groningen (Niederlande) unterwegs. Auf unserem Programm stehen Bauernhöfe mit Gulf- und Hallenhäusern, einige der berühmten (ost-) friesischen Kirchen mit mittelalterlichen Dachwerken und mehrere interessante Städte.
Wir treffen uns am Montagmorgen um 10 Uhr in der Hansestadt Bremen - im Landesamt für Denkmalpflege, das in einem Bürgerhaus in der Sandstraße 3 residiert, das 1973 vor dem Abriss gerettet und sorgfältig restauriert worden ist.

In der Bibliothek des Denkmalamtes begrüßt uns Marianne Ricci, Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin für Teile der Bremer Altstadt und die östlichen Vorstädte. Sie zeigt uns das historische Gebäude... 
...vom Keller bis zum Dach. Es gibt einen Tonnengewölbekeller...
...und einen Kreuzgratgewölbekeller unter dem rückwärtigen Saal.
Ein Blick in das Dachwerk des Hauses, Teile sind vermutlich noch mittelalterlich. 
Diskussion auf dem Dachboden, wo sich auch die Bauteile- und Spoliensammlung des Denkmalamtes befindet. 
Höhepunkt der Besichtigung ist der rückwärtige Saal des früheren Dielenhauses, der heute als Bibliothek genutzt wird. Er besitzt eine bemalte Balkendecke der Spätrenaissance von 1580. Hier schauen wir uns auch Bauzeichnungen von Häusern aus dem Bremer Altstadtviertel Schnoor an, das wir gleich besichtigen wollen. 
Rundgang durch den Schnoor - das letzte intakte Altstadtviertel in Bremen, das den Zweiten Weltkrieg und die Sanierungswellen der Nachkriegszeit überstanden hat - heute eine Touristenattraktion.


In vielen Häusern sind Bauteile und Spolien von anderen, abgebrochenen oder kriegszerstörten Häusern eingebaut worden - diese aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht fragwürdige Praxis ist inzwischen selbst Teil der Baugeschichte des Viertels.   
Diese Karyatide (weibliche Trägerfigur) war früher Teil eines Epitaphs in der kriegszerstörten Ansgarii-Kirche. 
Altstadtidylle im Bremer Schnoor 
Überwiegend stehen hier kleinere Handwerkerhäuser - das Gebäude rechts (Schnoor 14) wurde in den 1990er Jahren bauhistorisch untersucht und restauriert. Es enthält mittelalterliche Backstein-Brandmauern als älteste Bauteile.
Marianne Ricci erläutert uns die historischen Gebäude. 
Besuch im Haus Schnoor 14: Die erhaltene Diele beherbergt heute ein Schokoladen- und Pralinengeschäft....
...auch Hausforscher haben manchmal einen "süßen Zahn"... :-) 

Bauspolien einer früheren Barockfassade - in einem Neubau der 1950er Jahre.
Weiter geht es nach Oldenburg - in der früheren Residenzstadt essen wir bei "Mamma Mia", der ältesten Pizzeria der Stadt, zu Mittag und besuchen anschließend das Degode-Haus, eines der wenigen älteren Bürgerhäuser, das den Stadtbrand von 1676 überstanden hat.
Das Degode-Haus am Markt in Oldenburg - mit seinem Fachwerkgiebel 
steht es zwischen jüngeren Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts. 
Der Fachwerkbau des Dielenhauses mit Speicherstock stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde 1888 historisierend umgebaut und restauriert. Damals wurden die Fächerrosetten hinzugefügt - als Putzornamente. 
Wir treffen uns mit der Eigentümerin, Frau Degode, die uns ihr Haus zeigt. 
Die Schaufenster wurden beim Umbau 1888 hinzugefügt, 
in der Mitte blieb das alte Dielentor erhalten. 
Höhepunkt ist der frühere Saal im hinteren Teil des Hauses - mit einer bemalten Balkendecke von 1645, die 1992 von den Eigentümern wiederentdeckt und sorgsam restauriert worden ist.
Die farbenprächtig in Formen der Spätrenaissance und des Frühbarock bemalte Holzdecke von 1645 zeigt Allegorien der vier damals bekannten Kontinente: Europa, Asien, Afrika und Amerika - Australien und Antarktis fehlen noch. Die Darstellung von "Africa" wird von diesem Elefanten begleitet - es erscheint fraglich, ob der Maler wirklich einen lebenden Elefanten gesehen hat...
Mit der Eigentümerin diskutieren wir über die eindrucksvolle Deckenbemalung und die Geschichte ihrer Restaurierung. Der frühere Saal gehört heute zu einem Schuhgeschäft im Erdgeschoss des Hauses.
Blick auf die rechte Traufwand des Hauses Degode - die Backsteinwand zeigt einen Inschriftstein von 1617.
Ein restauriertes Fenster - die hölzernen Bekleidungen und Fensterpfosten konnte Erhard ins 17. Jahrhundert datieren, die Flügel mit der Verglasung wurden im 19. Jahrhundert erneuert.
Restaurierter Fußboden aus breiten Eichendielen in der Wohnung im früheren Speicherstock.
Von Oldenburg fahren wir durch das Ammerland und die Friesische Wehde (Varel) in Richtung Ostfriesland.
Gut Winkel in Apen bei Westerstede (Ammerland). Die Scheune links ist ein früheres Hallenhaus, das von Erhard auf 1746 datiert worden ist... 
...und dessen Wirtschaftsteil im 19. Jahrhundert zu einer Gulfscheune umgebaut worden ist.
Teile des ursprünglichen Hallenhausgerüstes hinter der umgebauten Gulfscheune.
So entstand ein Gulfhaus mit Fachwerkgiebel, was schon ziemlich ungewöhnlich ist...
Zum Schluss erhalten die freundlichen Eigentümer noch ein wenig Bauberatung von Heinz und Erhard.
Weiter geht es in Haios Heimatort Bockhorn bei Varel in der Friesischen Wehde. Hier werden wir von Haio und Gundel mit Kaffee und Rhabarberkuchen bewirtet - bevor wir die Kirche von Bockhorn besichtigen.
Die Kirche in Bockhorn ist eine romanische Granitquaderkirche aus dem 12. und 13. Jahrhundert mit einem (jüngeren) separaten Glockenturm aus Backstein. Die Kirche steht auf einem künstlichen, aus Plaggen aufgworfenen "Kirchhügel", der aber keine Wurt ist. 
Kaufmannshaus mit Speicherboden aus dem 18. Jahrhundert gegenüber der Kirche in Bockhorn.
Auf dem Kirchhügel in Bockhorn stehen zahlreiche große und prächtige Grabstelen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 
Das romanische Granitquadermauerwerk der Kirche ist zweischalig. Um Bauschäden zu verhindern, mussten im Laufe der Zeit zahlreiche eiserne Maueranker eingebaut werden, mehrere Anker bilden hier die Jahreszahl 1770. 
Granitquader und Maueranker am Giebel der Kirche in Bockhorn. 

Einige schmiedeeiserne Maueranker sind 1793 und 1713 datiert.
Die Granitquader zeigen unterschiedliche Farben und Spuren der Keile, mit denen sie aus Findlingen gespalten worden sind. Vermutlich fielen dem Bau der Kirche auch einige Großsteingräber zum Opfer.

Auch die Kirche in Varel ist eine Granitquaderkirche aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Langhaus, Querhaus und Chor bilden einen kreuzförmigen Grundriss. Der aus Granitquadern und Backsteinen erbaute Westriegel trug früher eine romanische Doppelturmfassade. 
Highlight der Kirchenausstattung ist der prächtige Altaraufsatz des Hamburger Bildhauers Ludwig Münstermann von 1614. Er zeigt ein lutherisches Bildprogramm der Spätrenaissance, bemalt mit einer bunt leuchtenden "Lüsterfassung".
Der Westriegel der Vareler Kirche besteht aus Granitquadern und Backstein - er war früher eine romanische Doppelturmfassade. Rechts ein expressionistisches Kriegerdenkmal aus den 1920er Jahren.
Letzte Station unseres ersten, langen Exkursionstages ist der heutige Reiterhof Timmermanns in Obenstrohe. Er besteht aus einem Zweiständer-Hallenhaus mit Flett von 1565 (links) und einer Gulfscheune aus dem 19. Jahrhundert, die 1885 neue Backsteinaußenwände erhielt.


Begrüßung durch den Eigentümer.

Flettkopfband im Zweiständer-Hallenhaus mit sorgfältig 
geschnitzten Taubändern und Jahreszahl 1565. 
Durchgezapfte Ankerbalken an den Dielenständern

Zu dem Hof gehörte im späten 19. Jahrhundert eine Ziegelei, die u.a. Formsteine produzierte, die als gebautes "Musterbuch" an der Scheune zu sehen sind.
Blick ins Innere der Gulfscheune...
Gulfgerüst der Scheune
Erhard und der Eigentümer betrachten Flößerzeichen an den Ständern.


Ein Pony auf dem Reiterhof hat am Tag zuvor ein gesundes Fohlen geboren. Nachdem es den ganzen Tag auf der Weide herumgesprungen ist, schläft es unter den Augen seiner Mutter im Stall.
Stattliche Blutbuche im Garten des Hofes


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