22. März 2004

Wandernde Häuser und fliegende Bauten

die Wasserburg Lüdinghausen

Translozierung von Gebäuden aus historischer Sicht.

15. Tagung der AG Haus- und Gefügeforschung in Lüdinghausen (Münsterland) am 20. und 21. März 2004. 

Heinrich Stiewe, IGB, Blomberg

Daß die Translozierung von Gebäuden – also ihre Versetzung an einen anderen Standort – nicht nur ein aktuelles Problem der IGB oder der Denkmalpflege ist, sondern auch in früheren Jahrhunderten häufig praktiziert wurde, zeigten die 17 Vorträge der 15. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Haus- und Gefügeforschung in der IGB (zugleich Regionalgruppe Nordwestdeutschland des Arbeitskreises für Hausforschung) am 20. März 2004 auf eindrucksvolle Weise. Die qualitätvoll restaurierten Räume der Renaissance-Burg Lüdinghausen boten einen stimmungsvollen Rahmen für die von Johannes Busch und Dietrich Maschmeyer glänzend vorbereitete Veranstaltung. Der folgende Exkursionstag gab wie üblich Gelegenheit, den ländlichen Baubestand des Münsterlandes als gastgebende Region kennen zu lernen. Vom stattlichen Gräftenhof bis zum Kotten wurden Beispiele unterschiedlicher Sozialschichten gezeigt; Höhepunkte waren ein spätgotischer Steinspeicher des 16. Jahrhunderts und die mittelalterliche Wasserburg Vischering, die schon am Anreisetag ausgiebig besichtigt worden war. Mit mehreren ungenutzten und dem Verfall preisgegebenen Hofanlagen wurden den Teilnehmern aber auch die immensen Probleme der Denkmalpflege im vom Strukturwandel betroffenen ländlichen Raum vor Augen geführt.

Die Vorträge
einen stimmungsvollen Rahmen für die Tagung boten die qualitätvoll restaurierten Räume der Renaissance-Burg Lüdinghausen 
  • Der Vortragstag begann mit einem historischen Überblick von Fred Kaspar (Münster), der deutlich machte, daß Translozierungen in der Vergangenheit durchaus nicht die Ausnahme, sondern „etwas ganz Alltägliches” waren. Ausgehend von der „Santa Casa”, dem angeblichen Geburtshaus der Jungfrau Maria, dessen in den Jahren 1291-95 von Engeln durchgeführter Lufttransport von Nazareth über den Balkan bis nach Loreto (Italien) Legende ist, beleuchtete Kaspar die vielfältigen Bedeutungsebenen eines historischen Bauwerks, die es in seiner materiellen Substanz, aber auch als „immaterielles Gut” zu einem Denkmal machen konnten, das unter Umständen auch den Standort wechseln mußte. Damit berührte er Kernfragen der Denkmalpflege, machte aber auch deutlich, daß unser heutiges Verständnis von „Originalität” oder „Echtheit” historischer Bausubstanz bei frühen Translozierungen nur eine untergeordnete Rolle spielte. Am Beispiel der unterschiedlichsten Gebäudegattungen – vom Gartenhaus bis zur Bockwindmühle und von temporären „fliegenden Bauten” bis zur Verlegung ganzer Städte (etwa Haldensleben 1190 oder Lünen 1337) – zeigte Kaspar z.T. mehrfache Translozierungen aus ideellen, politischen oder auch rein wirtschaftlichen Gründen. Begrifflich schlug er eine Unterscheidung zwischen „horizontaler” und „vertikaler” Translozierung vor: Während die erstere einen tatsächlichen Standortwechsel bedeutet, handelt es sich bei der letzteren nur um eine Höhenversetzung etwa eines Daches beim nachträglichen Aufbau eines Obergeschosses. 
  • Unter dem Titel „Das ‚mobile’ Haus” stellte W. Haio Zimmermann (Wilhelmshaven) vielfältige archäologische, aber auch rezente Befunde für Translozierungen vor, die er vor dem Hintergrund seiner grundlegenden Forschungen zum Übergang vom Pfostenzum Ständerbau diskutierte. Entgegen der bisherigen Ansicht, daß der „erdfeste” Pfostenbau (mit eingegrabenen Pfosten von geringer Lebensdauer) eine Versetzung unmöglich machte und das Haus erst mit dem Übergang zum Ständerbau im Spätmittelalter „mobil” wurde, zeigte Zimmermann etwa am Beispiel einer jütländischen Scheune, daß auch Pfostenbauten umgesetzt werden konnten. Während in spätgermanischen Volksrechten des frühen Mittelalters (6. Jh. n. Chr.) sogar Fälle von „Hausraub” überliefert sind, ist die im Mittelalter vielfach belegte Mitnahme von Gebäuden durch abziehende Pächter grundherrschaftlicher Höfe (das Haus als „Fahrhabe” oder „Fahrnis”) noch in frühneuzeitlichen Quellen häufig nachweisbar, etwa für das späte 17. Jh. in den „Jördebüchern” des Amtes Rotenburg. Analog zu Kaspar unterschied auch Zimmermann zwischen dem horizontalen und vertikalen „Bewegen” von Gebäuden – letzteres wurde vielfach praktiziert in der Form des „Aufschraubens”. Dazu bedienten sich die Zimmerleute so genannter „Bauschrauben”, hölzerner Drehspindeln mit Gewinde, die unter den Ständern oder Schwellen eines Gebäudes positioniert wurden. Diese verbreitete Technik stufte Zimmermann als Innovation des 16. Jahrhunderts ein, während er für das Mittelalter die Verwendung einfacherer Hebel oder Hebeladen annimmt. 
  • Die von ländlichen Zimmereien noch bis um die Mitte des 20. Jh. geübte Praxis des Anhebens und „Verrollens” von ganzen Gebäuden auf Rundhölzern und Laufbohlen verdeutlichte Heinz Riepshoff anhand zweier spektakulärer IGB-Projekte aus dem Landkreis Verden. 
  • Wolfgang Dörfler schilderte für seinen Wohnort Hesedorf (bei Gyhum, Landkreis Rotenburg), wie um 1840 drei Neubauernstellen aus der Bachniederung an die neu angelegte Dorfstraße „verrollt” worden sind – was in der mündlichen Überlieferung zu der Aussage führte, der ganze Ort sei „verrückt”. Auf die Frage, wie man denn vollständige Bauernhäuser „verrollen” könne, ist als lakonische Antwort überliefert: „Gaanz langsam!”
  • Mündliche Überlieferungen von angeblich translozierten Gebäuden waren auch das Thema von Peter Barthold (Bückeburg/Münster). An Beispielen aus Minden-Ravensberg und dem Bückeburge Raum zeigte er, daß nicht jede Zweitverwendungsspur am Gefüge oder eine Bauinschrift mit hoffremd anmutenden Namen auf ein versetztes Gebäude hinweisen muß und daß es oft gründlicher historischer und genealogischer Forschungen bedarf, um eine Translozierung „vom Hörensagen” zu verifizieren. 
  • Mehrere Vorträge stellten aufschlußreiche regionale Befunde vor: Ludwig Fischer berichtete über Translozierungen von Haubargen und „Hallighäusern” (letztere mit eingegrabenen Innenpfosten!) auf der Halbinsel Eiderstedt und nordfriesischen Halligen. Ursachen waren hier die unmittelbare Gefährdung durch Sturmfluten, aber auch der Zugriff von hamburgischen Investoren auf Eiderstedter Bauernhöfe als Spekulationsobjekte im 19. Jh. 
  • Bauholz und „gebrauchte” Hausgerüste als Handelsgut waren auch ein zentrales Thema von Andreas Eiynck (Lingen), der vielfältige Befunde für Translozierungen aus dem Emsland präsentierte. Mit zunehmendem Holzmangel im nordwestdeutsch-niederländischen Grenzgebiet beobachtete er eine wachsende Zahl von Quellenbelegen für den Verkauf von alten Hausgerüsten; insbesondere wurden zahlreiche Gefüge in Moorkolonien umgesetzt, wo sie die Plaggenhütten der ersten Siedlergeneration ersetzten. 
  • Ulrich von Damaros (Rinteln) verdeutlichte am Beispiel des Landkreises Schaumburg die Schwierigkeiten, Translozierungen allein im Baubefund nachzuweisen und von „normalen” Reparaturen oder Zweitverwendungsspuren zu unterscheiden. Erst durch Hinzunahme von schriftlichen Quellen konnte er Versetzungen von Gebäuden belegen – darunter ein bäuerliches Altenteilerhaus aus der Zeit um 1700, das 1835 einer Braut als Heiratsgut mitgegeben worden war. 
  • Unter der Überschrift „Politik mit dem Hausbau” stellte die Historikerin Annette Hennigs (Münster) eine spannende archivalische Quelle aus der ehemaligen Grafschaft Tecklenburg vor, die den Begriff „Translocirung” ausdrücklich für das Jahr 1767 belegt. Die Akte enthält Gesuche an die preußische Regierung, den Export von Holzgerüsten abgebrochener Gebäude ins osnabrückische „Ausland” zu erlauben, denen nach anfänglicher Ablehnung und vergeblichen Verkaufsversuchen im Inland doch stattgegeben werden mußte. Gegen Ende des 18. Jh. wurde der Handel mit alten Hausgerüsten zum Wiederaufbau als Heuerlingshäuser sogar regierungsseitig gefördert, um für die stark anwachsenden ländlichen Unterschichten der protoindustriell-leinengewerblich geprägten Region Wohnraum zu schaffen. Allein im Dorf Schale stieg die Zahl der Heuerhäuser so um 40 Prozent – Hennigs sieht darin eine gezielte obrigkeitliche Einflußnahme im Sinne preußischer „Peuplierungspolitik” (Bevölkerungspolitik). 
  • Reinhard Seevers erläuterte anhand des Marschendorfes Blumenthal an der Oste (Landkreis Cuxhaven) die weitgehend unbekannte Wirtschaftsform der „überschlickten Marsch” und die Folgen für die gewachsenen Siedlungsstrukturen in den Flußmarschen. Seit dem Bau des Einlaßbauwerks im Ostedeich 1855 konnte die Überschlickung gesteuert werden, die in 70 Jahren zu einem Bodenauftrag von 50 cm auf den gewölbten Marschenstreifen führte. Diese Intensivierung der Marschnutzung hatte zur Folge, daß die Höfe von ihren mittelalterlichen Siedlungsplätzen in der Flußmarsch auf die höhere Geestkante verlegt werden mußten. 
  • Wie mit Hilfe einer Translozierung versucht wurde, einen ungenehmigten Neubau zu errichten, schilderte Josef Pollmann am Beispiel eines 1848 an den Ortsrand versetzten Hauses für einen Schäfer in Bachum (Kreis Arnsberg). 
  • Unter dem griffigen Titel „Schlösser unterwegs” verdeutlichte Bernd Adam (Hannover), daß die Translozierung als Mittel der Kosteneinsparung auch im „hochherrschaftlichen” Bauwesen angewandt wurde: So war das erste Schloß in Hannover-Herrenhausen ein älterer Fachwerkbau, der 1665 aus dem leineaufwärts gelegenen Coldingen herangeschafft worden war. Mit dem 1697 errichteten Feigenhaus im Großen Garten von Herrenhausen stellte Adam ein besonders interessantes Beispiel „temporärer” Architektur vor – ein frühes Gewächshaus aus Fachwerk, dessen Glasdach und -fassade im Sommer komplett „abgeschlagen” werden konnte. Das benachbarte Schloß Monbrillant, ein Fachwerkbau des 17. Jahrhunderts, wurde 1857 nach Georgsmarienhütte transloziert, wo es als Wohnung für Direktoren und höhere Beamte der Eisenhütte diente. Nach der Annexion Hannovers durch Preußen (1866) erhielt der „welfische” Bau einen unerwarteten „Memorialwert”. 
  • Mit Hilfe einer Prozeßakte konnte Klaus Kiekbusch nachweisen, daß das so genannte „Tilly-Haus” in Holzminden, heute nur noch ein Torso eines größeren, 1558-62 (d) datierten Fachwerkbaus, ursprünglich im benachbarten Bevern stand, wo es 1607-09 dem Neubau des heutigen Renaissanceschlosses weichen mußte. 
  • Ein prunkvoll mit Wandfliesen und Einbaumöbeln ausgestattetes Kapitänshaus von 1768 aus Nordfriesland stellte Gerd Kühnast vor. Die Erben des Erbauers Paul Eversen, der bei der holländischen Ostindienkompanie ein Vermögen gemacht hatte, verkauften das Haus an einen Bauern, der es 1805 mitsamt seiner wertvollen Ausstattung in einen Koog versetzte, wo es bis zum Abriß in den 70er Jahren stand. 
  • Schließlich wagte Thomas Spohn (Münster/Dortmund) den Schritt ins 20. Jahrhundert mit seinen industriell-serienmäßig vorgefertigten Bauten aus Beton, Stahl und Holz. Wie so viele technische Neuerungen hat auch der Holzfertigbau seine militärischen Wurzeln in Form von Lazarettbaracken, die erstmals in den napoleonischen Kriegen eingesetzt wurden und später ab 1866 als „preußische Normalbaracke” Verbreitung fanden. Vorgefertigte Blockhäuser wurden schon seit etwa 1870 in Norwegen produziert; in Westfalen ist das erste Holzfertighaus eines Oberlausitzer Herstellers 1909 nachgewiesen, dem weitere Beispiele folgten. Mit diesem interessanten Exkurs in die Geschichte des industriellen Bauens verließ Spohn aber auch das eigentliche Tagungsthema, da vorgefertigte Gebäude nicht als Translozierungen im engeren Sinne anzusprechen sind – sonst müßte letztlich jeder traditionelle Fachwerkbau, der als Werksatz vom Zimmerplatz zur Baustelle transportiert worden ist, als „Translozierung” eingestuft werden, wie Fred Kaspar schon vorher in der Diskussion angemerkt hatte. 
Insgesamt bot das Programm einen überaus spannenden und facettenreichen Überblick zum Thema „Translozierung aus historischer Sicht”, der zu vertiefender Diskussion herausforderte. Diese kam angesichts des dicht gedrängten Programms mit 17 Vorträgen aber leider zu kurz – trotz vorbildlicher Disziplin aller Referenten bei der Einhaltung ihrer Redezeiten. So fiel eine zusammenfassende Schlußdiskussion der fortgeschrittenen Zeit und der schwindenden Aufnahmefähigkeit des Publikums zum Opfer. Für künftige Tagungen sei daher angeregt, die Anzahl der Vorträge stärker zu begrenzen, um der Diskussion mehr Raum zu geben – auch wäre eine moderierte Schlußdiskussion wünschenswert, für die die wichtigsten Ergebnisse der Vorträge noch einmal thesenhaft zusammen zu fassen wären.

Die Veröffentlichung eines Tagungsbandes ist vorgesehen; 

Für das nächste Treffen 2005 wurde von Hans-Jürgen Rach eine Einladung nach Havelberg in Sachsen-Anhalt ausgesprochen; als Thema sind „nichtlandwirtschaftliche Gebäude auf dem Lande” vorgesehen. Die Tagung 2006 will W. Haio Zimmermann in Bad Bederkesa zum Thema „landwirtschaftliche Nebengebäude” ausrichten.


Das südöstliche Kernmünsterland – 
eine Kulturlandschaft mit Überraschungen!


Dietrich Maschmeyer, IGB, Recklinghausen
Manch einer wird urteilen: Die Landschaft hier im Münsterland ist ja hier total zersiedelt, und richtige Dörfer gibt es auch kaum. Da ist was dran, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Gegenden Deutschlands zeigt die Siedlungsstruktur im Münsterland recht dünn gesäte Kirchspielszentralorte, denen eine größere Zahl von Bauerschaften zugeordnet ist, die niemals den Status selbständiger Gemeinden erreicht haben. Die Bebauung mit den Bauernhöfen erstreckt sich darin – ebenfalls recht ungewöhnlich – recht gleichmäßig über die gesamte Fläche. Von Zersiedelung als unerwünschtem Phänomen sollte man allerdings nicht sprechen: Dies besondere Bild gehört zur Landschaft und läßt sich bis ins frühen Mittelalter zurückverfolgen. Während sich die ältere Besiedlung auf die leichteren Böden entlang den Flüssen beschränkte, wurden größere Regionen mit sehr schweren Böden, die gerade in dieser Region dominieren, erst recht spät, im hohen Mittelalter, dichter besiedelt. Dieser Unterschied schlägt sich auch in der Parzellenund Flurstruktur nieder, denn die spät gegründeten Höfe sind alle arrondiert. Prägend für die Region war der sehr hohe Anteil einer agrarsozialen Oberschicht, die sich in den zahlreichen Rittersitzen und Schulzenhöfen wiederspiegelt. Die Lebensund Bauweise dieser Schicht hat daher wohl – soviel darf man heute sagen – in weit stärkerem Masse auf die niederen Sozialschichten abgefärbt als in vielen anderen Regionen Deutschlands. Fast jeder größere Hof der Region hatte einen eigenen Wassergraben, war also ein typisch Münsterländer „Gräftenhof”.

Die genannten wenigen zentralen Kirchspielsorte haben daher alle eine besonders zentrale Bedeutung, häufig sogar den rechtlichen Status eines „Wigbold” (Weichbild), eine im wesentlichen nur im Münsterland vorkommende Form verminderten Stadtrechts. Neben recht großen Kirchen finden wir in ihnen auch recht ansehnliche Bürgerhäuser. Der Bestand an historischen Bauernhäusern reicht wohl nicht über die Mitte 16. Jh. zurück und nimmt eine höhere Dichte erst ab dem 18. Jh. an. Dabei dominieren die großen Vierständerhäuser, die, frei in der Landschaft liegend, besonders auffallen. Demgegenüber treten die Scheunen – im Gegensatz zu vielen anderen Gebieten – in dieser Region an Größe deutlich hinter die Haupthäuser zurück. In der Regel finden wir nur eine einzige Scheune, die fast immer als Torhaus angelegt ist, durch das eine relativ gerade Achse auf das Tor des Haupthauses zuführt – eine Gestaltungsform, die vermutlich auf die genannten oberschichtlichen Einflüsse zurückgeht. Viele der genannten Haupthäuser besitzen trotz teilweise recht junger Außenhaut einen alten Kern, treten uns aber heute in der Regel innerlich und äußerlich gegenüber dem älteren Zustand stark verändert im Gesicht des 19. Jahrhunderts gegenüber. Neben dem Vierständer sind auch Dreiständerund sogar der Zweiständerbau nachweisbar, aber faktisch alle verschwunden und nur noch durch ältere Fotografien etc. nachgewiesen. Eine systematische Beschreibung der Entwicklung der Gefügeund Raumstrukturen seit dem Mittelalter ist nur noch beim Vierständerbau möglich. Die Entwicklung des Grundrisses und der Aufteilung des Hauses auf die unterschiedlichen Nutzungen läßt sich bei vielen Beispielen relativ gut nachvollziehen

Die Entwicklung der Raumstrukturen des Hallenhauses Mittelbäuerliche Häuser wurden trotz ihrer Dielenhöhe von bisweilen über 4 m bis ins 19. Jahrhundert nur auf der Erdgeschoßebene bewohnt, die zumeist niedrigen Zwischenböden nur zu Lagerzwecken verwendet. Mit fortschreitender räumlicher Differenzierung des Wohnens wird allmählich stufenweisen ein Kammerfach entwickelt und additiv an die älteren Strukturen angefügt. Bei den oberschichtlichen Häusern scheint die Entwicklung des Kammerfaches etwas anders verlaufen zu sein, da die Schaffung eines großen, immer unterkellerten „Saales”, den kleinere Gebäude eigentlich nicht zeigen, seine Struktur des Kammerfaches bestimmte. Bemerkenswert ist dabei, daß bei großen Höfen immer wieder Überschneidungen beider Entwicklungsstränge beobachtet werden können. Was aber fasziniert ist, daß die große Küche – der Begriff Flett ist nicht gebräuchlich – bis in die heutige Zeit den Hauptwohnraum darstellt.
Schon die ältesten erhaltenen Bauten mittelbäuerlicher Schichten treten uns als ausgereifte Vierständergefüge gegenüber, denen jedoch durchweg ein Kammerfach fehlt. Das zweihüftige Flett scheint in dieser Region bis auf hierzu kaum zu zählende Sonderformen des 19. Jahrhundert (breite Querdielen) völlig unbekannt zu sein, wenig weiter östlich treffen wir es dann immer häufiger an. Beim ältesten erhaltenen Haus Tetekum 39 (1517 d), aber auch beim nächstjüngeren Daldrup 9 (1575 d) finden wir ein einhüftiges Flett mit Lucht rechts und abgeteilten Kammern links (darüber eine Lagerbühne) ohne Scherwand zur Diele (Abb. 1 A). Wenig später wird die Konstruktionsweise der Außenwände von der Dachbalkenkonstruktion auf Ständerwände mit eingehälsten Ankerbalken umgestellt, die Funktionsstruktur bleibt ansonsten unverändert (Abb. 1B).
Als erster Phase eines Kammerfaches tritt bald ein kleiner Ausbau in Verlängerung dieser seitlichen Kammern hinzu, häufig mit halbtiefem Keller, darüber eine relativ hohe Kammer. (Abb. 1 C). Diese Strukturen sind heute nur noch von jüngeren Strukturen umschlossen in wenigen Häusern erhalten, jedoch sogar noch fotografisch belegt. Auch die einstmals sehr häufigen halbtiefen Keller, die vermutlich milchwirtschaftlichen Zwekken gedient haben, sind bei vielen Häusern nach 1850 wieder verschwunden oder deutlich tiefer gelegt worden. In einer zweiten Phase wird dieser „Stubenanbau” auf den vollen Hausquerschnitt erweitert (Abb. 1 D), der hinzugefügte Teil ist dann rein zweigeschossig, wobe das obere Geschoß als Lagerboden dient. Im 19. Jahrhundert erfolgt dann im Kammerfach auf der Luchtseite der Einbau einer hohen Stube, der bei älteren Gebäuden die dortige Zwischendecke geopfert wird. Später wird gern in der Mitte des Kammerfaches hinter dem Schornsteinstapel eine unterkellerte Upkamer eingebaut, die häufig als Altenteil oder Schlafraum des Bauernpaares dient und auch hier die klare Zweigeschossigkeit bricht, die wird dann folglich nur noch auf die der Lucht gegenüberliegende Seite der Küche und deren Verlängerung ins Kammerfach finden (Abb. 1E). Bei den eher oberschichtlichen Gebäuden, von denen sich nur sehr wenige ältere Beispiele erhalten haben, hat es anscheinend sehr viel früher ein Kammerfach gegeben, dessen Form vornehm-lich durch einen Saal mit Feuerstelle über einem Keller bestimmt wurde. Dieser Haustyp hat sehr wenig Änderun-gen erfahren.
Die Entwicklung der Fachwerkgefüge des Hallenhauses Beim Vierständerbau können nur die äußeren Gefügeknoten abweichend von der Dachbalkenkonstruktion hergestellt werden, bei den Inneren gibt es – sofern ein Längsrähm eingebaut wird – keine andere Möglichkeit. Bei vielen jüngeren Gebäude (vor allem ab etwa 1750) wurden die Innenständer aber auch ohne Längsrähm direkt in die Balken gezapft. Die älteste nachgewiesene Form ist das reine Dachbalkengefüge, das auch an den Außenwänden ein Unterrähm hat. Wenig später der Knotenpunkt dann in einer Variante der Einhälsung ausgeführt, dem „Balken mit verlochtem Kopf” (Schepers) (Abb. 1B). Schon bei den ältesten Gebäuden finden wir neben der Aussteifung durch Kopfbänder auch eine solche durch Streben. In der Folgezeit ändert sich nur noch die Detailform der Streben in den Wänden, wobei sie durchaus auch „Handschriften” bestimmter Handwerker erkennen lassen.
Die Giebel werden bis ins frühe 18. Jh. auf Knaggen ausgekragt, denen eine separate Giebelschwelle aufgelegt wird. Später verschmilzt diese Schwelle mit dem Giebelbalken zum Giebelrähm, einer sehr breiten Bohle, die anfänglich noch mit stumpf untergesetzten Knaggen unterstützt wird, später nicht mehr.
Die beiden ältesten Bauten zeigen in den Wänden nur eine alte Riegelkette. Während diese fast 2 m hohen Gefache beim Hof Grube (1517 d) offenbar normal mit Lehmflechtwerk ausgefacht waren, erfolgte die Wandbildung im zweitältesten Bau in Dülmen-Daldrup (1575 d) aller Wahrscheinlichkeit nach durch vollständige Verbohlung des Ständerbaus, wobei um die Bohlen in einer Nut ins Rähm und in eine Falz der Schwelle eingelassen werden. Die Riegel springen dabei um diese Bohlenstärke hinter die Ständer zurück, so daß Ständer und Bohlen außen eine ebene Fläche bilden. Ab dem späten 16. Jh. finden wir außer an Scheunen nur noch das mit Lehmflechtwerk ausgefachte Fachwerk durch, das bis ins 19. Jh. hinein den Regelfall darstellt. Der Ersatz der Lehmausfachungen durch gebrannte Bakksteine findet sich in wenigen Einzelfällen schon im 16. Jh., findet in großem Umfange aber erst im 19. Jh.statt. Seit etwa 1810 – 20 werden Neubauten nur noch mit Ziegelausfachung errichtet. Ab der Mitte des 19. Jh. werden im Zuge der fast immer recht durchgreifenden Umbauten der Häuser sämtliche alte Ausfachungen durch Ziegelstein ersetzt, so daß man heute in dieser Region nach Lehmausfachungen wirklich suchen muß.

Für die, schon am Freitagnachmittag angereisten Tagungsteilnehmer/innen wurde eine geführte Besichtigung, in der aus dem Mittelalter stammenden Lüdinghauser Wasserburg Vischering angeboten.  




Die Exkursion

Hof Grube (heute Brüninghoff), Tetekum Nr. 39 (alte Nr. 10), Lüdinghausen
Dieser Hof zeigt schlaglichtartig alle Aspekte der heutigen Situation bäuerlicher Anwesen in der Gegenwart auf, beinhaltet aber auch die größte Überraschung. 
Der sehr alte Gräftenhof ging nach 1970 durch Bau eines zu großen Maststalles in Konkurs, und wurde dann erst an einen Aussiedler und später an die Kanalbauverwaltung verkauft. Der geplante Abriß im Zuge der Kanalverbreiterung kam durch Planänderung nicht zu Stande. Das Gebäude befindet sich durch Leerstand seit Jahren im Zustand fortschreitender Verwahrlosung.
Speichergebäude auf Hof Grube
Das Haupthaus ist im Kern ein kammerfachloser Bau von 7 Fach mit Knaggenvorkragung in Dach- balkenbauweise. Seinerzeit wurde er vorsichtig auf erste Hälfte 17. Jh. datiert, mittlerweile gibt es ein eindeutiges Dendrodatum: Fälljahr 1517. Es ist damit damit das älteste überhaupt bekannte Vierstän- derhaus! Das Kammerfach wurde 1789 angefügt. Rückgiebel im mittleren Geschoß in Fachwerk, darüber verbrettert. Dabei zunächst durchgehend zweigeschossig und ohne Keller, ohne erkennbar hervorgehobenen Raum. Oberer Lagerboden durch Tür im Rückgiebel erschlossen
Im späten 19. Jh. Umbau der rechten Traufseite im Wohnbereich und Schaffung einer hohen Stube. Linke 2/3 des Kammerfaches unterkellert und unter Absenkung der Zwischendecke eine Upkamer geschaffen.
2. Hof Helmig (früher Lemme), Tetekum Nr. 24 (alte Nr. 25), Lüdinghausen.
Vollständig erhaltene Hofanlage im Zustand um die Mitte des 19. Jh. mit Haupthaus, Beigebäude und Scheune und Schirmschuppen.
Gegenüber dem Urzustand wurde das Haus um die Mitte des 19. Jh. sehr verändert: Vorn wurde das Gebäude unter Beibehaltung der Nutzungsstruktur um zwei Fache verlängert, im Kammerfach Entfernung der Upkammer und des Milchkellers, dafür tiefe Unterkellerung der rechten 2/3 des Kammerfaches.

Das Haupthaus wurde erbaut 1794 als Vierständer von 8 Fach Länge, auf dem Torbogen kündet eine Inschrift vom Zimmermeister (selten!) HW Mieddeler, jedoch nicht vom Bauherrn. Die Firsthöhe entspricht nicht der klassischen Vierständerregel (Haushöhe = Hausbreite), sondern ist ca. 75 cm höher. Linke Seite der Diele Pferdeställe (ehemals mit vertikalen Bohlen in unteren Gefachen), rechte Seite Kuhställe mit typischer sehr kleiner Austriebstür an der linke Ecke des Vordergiebels.




5. Schmermann, Westerbauerschaft, Ascheberg
Kleinstbauernstelle mit Haupthaus Mitte 18. Jh. und jüngeren Umbauten, Nebengebäude, Scheune.
An der unteren Größenskala bei den einst weitverbreiteten Hoftypen lag der Kotten. Ein solcher durfte daher in unserer Exkursion nicht fehlen.

Das Gebäude selbst entstammt wohl der Mitte des 18. Jh., wurde aber später mehrfach erweitert und überformt. Die Außenwände zeigen deutliche Spuren älterer Fenster.
Der Nebengebäudekranz dürfte ursprünglich sehr klein gewe- sen sein. In seiner jetzigen Kon- stellation mit dem typischen Kombinationsnebengebäude des 19. Jh. und einer – jetzt teilweise abgerissenen – Tor- scheune – entspricht es dem größerer Höfe. Die Anlage, der in nächster Zeit der Abbruch droht, ist zur Zeit nicht untersucht, aber zur Notdokumenta- tion durch die IGB vorgesehen.







6. Frie, Natorp 21 (alte Nr. 2), Drensteinfurt
Das Großbauernhaus von 1668, das demnächst restauriert wer- den soll, wurde nach ca. 1830 so sehr durchgreifend verändert, daß man es heute eigentlich als Bau des 19. Jh. mit älteren Teilen bezeichnen muß.

Das Haus hat ein ursprüngliches Kammerfach von nur einem Fach. Der ursprüngliche hohe Wohnraum über dem Halbkeller liegt hier „auf der verkehrten Seite”. In dem ehemaligen Halbkeller wurde vor etwa 20 Jahren eine Küche eingebaut, erkennbar an den unschönen neuen Fenstern. Ent- sprechend liegt die um 1890 geschaffene Stube im Rückgiebel links (die letzten beiden fensterlosen Fache).
Detail der Knaggen, die die vorkragende Giebelschwelle tragen.
7. Alte Post, Drensteinfurt
Dieses zweigeschossige Bürgerhaus aus der Mitte des 17. Jh. darf mit Recht als das bedeutendste ländliche Bürgerhaus des Münsterlandes bezeich- net werden. Es blieb – kaum jemals richtig be- wohnt und seit langem nur noch als Lagerhaus dienend – außergewöhnlich gut erhalten. In den 1960er Jahren war es zur Translozierung ins Frei- lichtmuseum Detmold vorgesehen. Aus dieser Zeit stammt das etwas rekonstruierende Aufmaß des Baupflegeamtes Westfalen (s. Zeichnung).
Dann gelang es aber doch, es an Ort und Stelle einer kommunalen Nutzung zuzuführen – leider mit Umbauten, die erhebliche Substanzverluste zu Folge hatten. Bestürzend erscheint, daß sich um dieses Haus zwar zahlreiche Legenden ranken, deren Wahrheitsgehalt, wie Fred Kapsar vor Ort erläuterte, kritisch hinterfragt werden muß, daß wir aber über sein sonstige Geschichte kaum etwas wissen – und das bei einem Gebäude dieser Bedeutung!





8. Große Aldehövel, Aldenhövel Nr. 63, Lüdinghausen
Das Haus des Leiters der IGB-Kontaktstelle Lüdinghausen ist ein Großbauernhaus, das um 1675 (d) ohne Kammerfach errichtet wurde. Ende des 18. Jh wurde ein Kammerfach des großbäuerlichen Typs mit Saal angebaut.
das Backhaus des Hofes …

Tür an dem wohl aus der Gegend von Soest (?) stammenden und jüngst wiedererrichteten Backhaus mit ungewöhnlich angeordneter Inschrift.
Der Feuerplatz im Haus …
Engel und Inschrift auf dem Feuerschirm
Gerüstdetail auf der Diele 
Eingang zum Pferdestall
Fensterdetail im Wohngiegel
9. Schulze Hauling (früher Schulze Bolling), Heller, Nottuln
Eines der schönsten Steinwerke des Münsterlandes, Mitte 16. Jh. mit altem Kamin …



… steht auf dem alten Haupthof der Bauerschaft Heller, die vormals Alstedde genannt wurde, war Eigentum des Ägidiistiftes in Münster, das mit ihm verschiedene Adelsfamilien belehnte: 1353 die Familie von Stevening und 1583 die Familie von Droste-Hülshoff.
Es wird vermutet, daß solche Wohnspeicher als erdfeste Gebäude nur von einer meist adeligen Grundherrschaft, nie vom Bauern selbst errichtet wurde, der immer damit rechnen mußte, u.U. mitsamt seiner (beweglichen!) Fachwerkgebäude die Hofstelle räumen zu müssen.

mit einem Sammelsurium von Alteisen beschlagene Tür
der Kamin im Steinwerk …
… wer sollte sich hier wohl angesprochen fühlen – Stütze der Rauchfangkonsole  

Dachwerk des Steinwerks 
10. Frye, Rödder Nr. 58 (alte Nr. 3), Dülmen
Fast vollständig erhaltene großbäuerliche Gräftenhofanlage, alle Gebäude 1802 – 5 errichtet.
Dominant das Haupthaus von 1802 (?), dessen linke Seite und Vordergiebel repräsentativ in Ziegelstein mit Sandsteingewänden und Formziegelortgängen gestaltet sind.
Blick, von der Brücke vor dem Torhaus, auf die Gräfte, die die 7000 m2 große Hofinsel umschließt. Dies großartige Baudenkmal geht einer durchaus ungewissen Zukunft entgegen.





11. Hof Brathe (früher Tiefrenger, heute Pieper), Daldrup (alte Nr. 9), Dülmen
Das Haupthaus dieses mittelbäuerlichen Hofes, 1575 (d) als Bohlenfachwerkbau errichtet, galt bis zur Entdeckung des Hofes Grube (1) als wohl ältestes Hausgerüst der Region. Die alten Münsterländer Häuser haben es in sich; sie sind als solche oft nur sehr schwer zu erkennen.
Das Haupthaus bietet sich heute wie üblich in der Form des 19. Jahrhunderts dar, dem auch das Kammerfach entstammt. Dieser weitgehenden Überformung ist auch zuzuschreiben, daß das
wahre Alter dieses Hauses bei der Unterschutzstellung als Baudenkmal gar nicht erkannt wurde; es wurde als Haus des 19. Jh. eingetragen! Das Gefüge von 1575 war mit kurzen, verdeckten Kopfbändern und an der rechten Traufe eine Ständer-Ständer-Strebe ausgesteift; so zeigen es die Rekonstruktionszeichnungen. Die Bohlen wurden später beseitigt und durch Ziegelausfachungen ersetzt, dabei Einzug zweier zusätzlicher Riegelketten, die an den Einblattungen leicht zu erkennen sind. Im Inneren Lucht mit verdicktem Luchträhm. 


Sogenannte Mäusepfeilerscheune des 18. Jh.. Dieser besonders im Münsterland weitverbreitete Gebäudetyp einer aufgestelzten Querdurchfahrtscheune diente zur Lagerung von Getreide, speziell des Hafers, der nicht ausgedroschen, sondern mitsamt den Halmen als Pferdefutter gehäkkselt wurde. Die älteren Typen sind durchgehend verbrettert, im 19. Jh. kommen auch ziegelausgefachte Bauten vor. Die Mäusepfeiler bestehen meist aus Baumberger Sandstein, aber auch aus Holz.

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