22. März 2010

Bauernhäuser aus dem Dreißigjährigen Krieg und Viehaufstallung

Cohrs Hof mit Blick auf den Wirtschaftsgiebel von 1640
Wolfgang Dörfler und Heinrich Stiewe, IGB

Bericht von der Hausforschertagung in Verden 2010
Das riesige Dachwerk des Verdener Domes und sechs nicht weniger eindrucksvolle Bauernhäuser aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges waren Exkursionsziele der 22. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Haus- und Gefügeforschung in Nordwestdeutschland in der IGB, die vom 19. bis 21. März 2010 in Verden/Aller stattfand; außerdem gab es interessante Vorträge zu Fragen der Viehaufstallung und „freien Themen“. Der Bundesvorsitzende der IGB, Dietrich Maschmeyer, begrüßte die anwesenden Teilnehmer; Heinrich Stiewe überbrachte Grüße vom Vorstand des Arbeitskreises für Hausforschung (AHF), dem die Arbeitsgemeinschaft als „Regionalgruppe Nordwest“ angehört. Mit knapp 100 Teilnehmern war die Tagung sehr gut besucht, allerdings war damit auch die Höchstgrenze in dem von uns gesteckten Rahmen erreicht.

Ein Novum war, dass bereits zu Tagungsbeginn eine Exkursionsbroschüre in Buchform vorlag: Unter dem Titel „Bauernhäuser aus dem Dreißigjährigen Krieg“ (hg. von Wolfgang Dörfler, Heinz Riepshoff und Hans-Joachim Turner) enthält sie ausführliche Berichte und Zeichnungen zu den Exkursionsobjekten und ergänzende Beiträge aus anderen Regionen. Auch Gerhard Eitzen († 1996) und Ulrich Klages († 2007) sind mit Aufsätzen vertreten. Die Broschüre erscheint als Band 3 der „Holznagelschriften“ der IGB. Eine Teilauflage konnte aus Überschüssen vergangener Tagungen und dem diesjährigen Tagungsbeitrag finanziert werden, so dass jeder Tagungsteilnehmer ein Exemplar ausgehändigt erhielt; weitere sind im IGB-Buchladen erhältlich.

Die Außenstellen Verden und Rotenburg der IGB hatten sich in diesem Jahr zusammengetan, um die Tagung zu organisieren. Luise Knoop war für die Organisation vor Ort und das Korrekturlesen des Exkursionsbandes verantwortlich; Hans-Joachim Turner, Heinz Riepshoff und Wolfgang Dörfler kümmerten sich um Programm und Exkursionsvorbe-reitung. Unterstützt wurden sie von Hedda Riepshoff, Ludwig Fischer und Bernd Kunze, der das Layout und den Druck der Broschüre besorgt hat.

Das Dachwerk des Verdener Domes
Die Besichtigung des sensationellen mittelalterlichen Dachwerks des Verdener Domes eröffnete am Freitagnachmittag das Tagungswochenende. Als sich die Teilnehmer den Wendelstein zum Dachstuhl hochgearbeitet hatten, erwartete sie ein Wald von Hölzern, die im Querschnitt ein ca. 60 Grad steiles, nahezu gleichseitiges Dreieck von etwa 30 m Seitenlänge bilden, das von zwei mächtigen Ständerreihen im Innern getragen wird – das bisher älteste bekannte Beispiel eines „aufgeständerten Kehlbalkendaches“. Erhard Preßler und Heinz Riepshoff erläuterten die Bauphasen, die sie in mehrjähriger dendrochronologisch-gefügekundlicher Forschungsarbeit ermitteln konnten. Es lassen sich vier Bauabschnitte unterscheiden, die mit den urkundlich bekannten Daten zur Baugeschichte des 1290 begonnenen gotischen Domes korrespondieren: 1306-09 (d) wurde das Dachwerk über dem östlichen Umgangschor und dem Querhaus gerichtet, 1326 (d) folgte das östliche Langhausjoch und nach einer finanziell bedingten Bauunterbrechung von gut 150 Jahren wurde 1478 (d, Weihe 1480) das Langhaus bis zu dem romanischen Südwest-Turm geschlossen (eine geplante Doppelturmfassade blieb unvollendet). Bemerkenswert ist, dass der ursprüngliche Plan des Dachwerks aus dem frühen 14. Jahrhundert von den späteren Zimmermeistern fast unverändert fortgeführt wurde, so dass das gesamte Dachgerüst heute sehr einheitlich erscheint. Nach dem Kriegsverlust des Daches über dem Wiener Stephansdom besitzt der Verdener Dom eines der größten mittelalterlichen Dachwerke Europas. In einem ersten Abendvortrag fasste Erhard Preßler seine Forschungsergebnisse zusammen, illustriert durch ein präzises, selbst gebautes Modell des Langhausdaches im Maßstab 1:50, das 2009 in der Ausstellung „Roofs of Europe“ in Paris zu sehen war. Ein weiteres Modell des vollständigen Dachwerks wird am 7. Mai im Verdener Dom der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Dachwerk des Verdener Domes …



Blick über die Verdener Südstadt

Konstruktionsmodel des Dachwerks des Verdener Domes
Zwei weitere Vorträge am Freitagabend boten eine kurzweilige Einführung in die verwickelte Landesgeschichte der Bistümer Verden und Bremen als Tagungsregion (Wolfgang Dörfler) und eine beispielhafte Vorstellung dreier prächtiger Fachwerkbauten (Heinz Riepshoff), die alle im Jahre 1621 errichtet wurden, das in der hiesigen Region noch zur „Vorkriegszeit“ des Dreißigjährigen Krieges zu zählen ist.

Die Vorträge: Viehaufstallung und „freie Themen“
  • Das Sonnabendprogramm eröffnete Haio Zimmermann mit einem sehr anschaulichen archäologischen Überblick über 4.000 Jahre Viehhaltung im Stall. Er wies auf den wortgeschichtlichen Zusammenhang von „Vieh“ und Reichtum / Geld hin und erläuterte die Aufstallungsrichtung (Kopf zur Außenwand bis in die frühe Neuzeit) unter anderem anhand eines eindrucksvollen Beispiels, eines eisenzeitlichen Hauses aus N¢rre Tronders bei Ålborg (Dänemark), in dem nach einem Brand die Skelette von sechs Kühen, einem Pferd, einer Familie mit Kind, drei Schafen und einem Schwein in situ erhalten geblieben waren. Während in den älteren Perioden von der Bronzezeit (Hahnenknooper Mühle bei Wilhelmshaven) bis zur römischen Kaiserzeit (Feddersen Wierde u.v.a.) dreischiffige Wohnstallhäuser mit auffallender Ähnlichkeit zum neuzeitlichen Hallenhaus verbreitet waren, in denen das Vieh in seitlichen Stallboxen mit den Köpfen zur Außenwand stand, setzten sich im frühen Mittelalter einschiffige Rauchhäuser ohne Viehaufstallung durch – das Vieh war nun in anderweitigen Unterständen auf dem Hof oder in Außenlage untergebracht. Schweine wurden unter anderem in Erdhöhlen, aber auch in steinzeitlichen Großsteingräbern gehalten, Pferde in halbwilder Waldweide. Als Gründe für einen erneuten Wechsel zur Stallhaltung im hohen Mittelalter zählt er auf: Winterfütterung, Ställe als Dungsammelstätte, Schutz gegen Viehdiebstahl, Schonung von Wald und Weide, das Melken der Muttertiere sowie die Aussonderung und Pflege kranker Tiere.
  • Anschließend formulierte Dietrich Maschmeyer anhand zahlreicher Beispiele aus Nordwestdeutschland ungeklärte Fragen zur Viehaufstallung im Hallenhaus und seinen Nebengebäuden. Die Pferdehaltung in älteren Häusern mit Vorderkübbung wurde durch den Anbau oft stark separierter Pferdeställe hinter (neu aufgerichteten) Steilgiebeln ersetzt.
    Spannend ist die Fragestellung zur Unterbringung der Kühe in den Kübbungen des Zweiständerhauses, die im 15. und 16. Jahrhundert mit einer Tiefe von 1,5 m auch für die damals anzunehmenden kleinen Rinderrassen für eine Aufstallung in Kleinboxen zu kurz gewesen sein müssen. Im Laufe des 16. Jahrhunderts erreichen die Ställe dann Tiefen von über zwei Metern, die die heute bekannte Aufstallung mit den Köpfen zur Diele zwischen den Hauptständern ermöglichte. Im Osnabrücker Artland gab es größere Stallräume mit sehr engen Fressgittern ohne Anbindevorrichtungen, was auf ein freies Bewegen des Viehs in den Kübbungen schließen lässt. In anderen Landschaften (Westfalen, Lippe) gab es niedrige waagerechte „Kuhnackenriegel“ zwischen den Ständern, um das Eindringen der Rinder auf die Diele zu verhindern. Insgesamt ergab die Diskussion auch vor dem Hintergrund hoher Viehzahlen, auch in kleineren Häusern, eine mangelnde Vorstellung über die wirklich Größe des Hornviehs im Spätmittelalter, die Funktion der Kübbungen in den ältesten Hallenhäusern und den Ort der Aufstallung dieser wichtigsten Viehgattung.
  • Ein Kurzvortrag von Hans-Joachim Turner zeigte an mehreren Beispielen die vielfältigen Spuren von Kuhanbindevorrichtungen in Häusern des 16. bis 19. Jahrhunderts in Norddeutschland. Er diskutierte auch den Raumbedarf der Tiere. Bei der Exkursion sahen wir in Ramelsen (Lk. Verden) ein Haus von 1639 (d), in dem die mit 50 cm „überbreiten“ Ständer der Diele später etwa um ein Drittel ihrer Breite „heruntergebeilt“ worden waren, um eine dritte Kuh zwischen zwei Ständern unterbringen zu können. In diesem wie auch in vielen anderen älteren Häusern war schließlich im 19. Jahrhundert eine Verschiebung der Ständerreihen um etwa 1 bis 1,5 m zur Diele hin vorgenommen worden, um die Tiefe der Kübbungen der Größe der Kühe anzupassen und Platz für einen Mistgang hinter den Tieren zu schaffen.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass ein interdisziplinärer Austausch mit Agrarhistorikern und Paläozoologen dringend erforderlich ist, um in der Frage nach der Größe und Aufstallung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Nutztiere (insbes. Rinder und Pferde) zu gesicherten Ergebnissen zu kommen.
Außerdem kam es zu einem Schlagabtausch zwischen den Vertretern der Meinungen, dass es in den frühneuzeitlichen Ställen trotz der Körperwärme des Viehs sehr kalt (nur wenige Grad über Außentemperatur) oder aber verhältnismäßig warm und damit weitgehend frostfrei gewesen sei. Hier stehen sich „gefühlte“ Erfahrungswerte von Landwirten und Hausforschern, die die Viehaufstallung im Hallenhaus noch in jüngerer Zeit aus eigenem Erleben kennen und Messergebnisse gegenüber, wie sie etwa das Museumsdorf Cloppenburg vor über 30 Jahren in einem mit Vieh besetzten Bauernhaus durchführen konnte (Hermann Kaiser). Diese Diskussion kann nur durch weitere Temperaturmessun-gen in Hallenhäusern mit traditioneller Viehaufstallung versachlicht werden, die die Wärmeverhältnisse in milden und strengen Wintern berücksichtigen.
  • Christine Scheer stellte die Viehaufstallung im „Husmannshus“ (Hallenhaus) und dem „Barghus“ (Haubarg/Gulfhaus) als den beiden grundverschiedenen Haustypen der Kremper- und Wilstermarsch unter funktionellen Gesichtspunkten vor. Sie zeigte, wie in den Hallenhäusern der Region die Kuhställe vollständig durch Klappen und Holzverschläge von der (Dresch-) Diele abgetrennt wurden; in der Diskussion wurde der Zusammenhang zwischen Augenkrankheiten des Hornviehs und dem beim Dreschen auf der Diele entstehenden Staub angesprochen. Im Barghus wurden die Tiere primär mit dem Kopf zur Außenwand aufgestallt, doch wurde die Aufstallungsrichtung häufig später umgekehrt und damit der in den anderen Haustypen üblichen Form angepasst.
  • Im folgenden Vortrag berichtete Bernd Adam aufgrund erhaltener Baupläne über „Vieh- und Kornhäuser, multifunktionale Großbauten auf Amtshöfen des 18. Jahrhunderts“. Er zeigte mehrere Bauten des hannoverschen Landbaumeisters Christian Ludwig Ziegler (1748-1818), dessen zeichnerischer Nachlass kürzlich im Stadtarchiv Peine wiederentdeckt worden ist (s. Bernd Adam und Thorsten Albrecht: Christian Ludwig Ziegler (1748-1818). Kurhannoverscher Landbaumeister und Architekt von Kloster Medingen. Petersberg 2009). Bei einem Entwurf zum Neubau eines Schafstalls ging Ziegler davon aus, dass der Schafmist im Laufe des Winters zu einer 1,2 m hohen Schicht anwachsen würde und also eine recht hohe Balkenlage sowie Öffnungen zum Belüften des Stallraums unter der Dachtraufe vorzusehen seien. Dies Öffnungen benötigten aus Sparsamkeitsgründen keine verschließbaren Klappen, da auch im Winter die gute Durchlüftung wichtiger als der Kälteschutz war. Eine praktische Besonderheit sind die runden Sandsteinsockel unter den ebenfalls abgerundeten Ständern des Gerüstes, die Abriebverluste bei der Schafwolle verringern sollten. Für das Kloster St. Michaelis in Lüneburg entwarf Ziegler lieber wenige große Wirtschaftsgebäude mit kombinierter Nutzung als eine Mehrzahl kleiner Gebäude, da die Unterhaltungskosten dann deutlich günstiger wären. So baute er auch auf anderen Amtshöfen große, multifunktionale Wohn-, Stall- und Vorratsgebäude wie z.B. das Amtshaushaltsgebäude von 1780 in Fallersleben. Bemerkenswert ist die räumliche Differenzierung der Schweineställe seiner Bauten sowie ein massiv ausgeführter Raum mit Schornstein, den man bereits als Futterküche interpretieren möchte.
  • Volker Gläntzer hatte das alternative Motto der Tagung „Der spannendste Befund der letzten drei Jahre“ ernst genommen und berichtete über ein Wirtschaftsgebäude des Gutes Schleppenburg bei Iburg (Lk. Osnabrück). Das in seiner heutigen Erscheinungsform als Doppelheuerhaus mit zwei traufseitigen Toreinfahrten angesprochene Gebäude gab nach akribischer dendrochronologisch-gefügekundlicher Untersuchung eine äußerst differenzierte Baugeschichte preis: Von einem Dreiständerbau des Jahres 1491 waren 1615 einzelne Balken weiterbenutzt worden, um auf dem Gutshof erneut ein dreiständriges Haus mit großem Giebeltor, aber ohne Wohnteil zu errichten – also ein Viehhaus. Bereits 1656 wurde das Tor an die Traufseite verlegt, da das Gebäude jetzt mit beiden Giebeln an eine Gräfte grenzte. Erst im 19. Jahrhundert erhielt das Gebäude unter Ent-fernung eines Innenständers und Einfügung einer Unterschlagskonstruktion das zweite Tor. Ab wann die zuletzt bestehende Wohnnutzung einsetzte, ist derzeit noch ungeklärt. Glücklicherweise hat sich ein örtlicher Verein gefunden, der das wertvolle Gebäude behutsam repariert und einer extensiven Nutzung zuführen will.
  • Den Abschluss des Vormittagsprogramms bildete ein Arbeitsbericht von Joseph Pollmann über einen Schafstall auf dem Finkenhof in Oberhundem-Schwartmecke (Kreis Olpe) im westfälischen Sauerland. Der Hof ist seit dem 16. Jahrhundert als Schäfereibetrieb belegbar; ein Vierständer-Haupthaus von 1685 und ein bisher undatierter Schafstall blieben erhalten. Das komplexe Gefüge dieses in den Hang gebauten Gebäudes mit 3,4 m langen Eichenständern, die auf etwa 1 m hohen Porphyr-Säulen stehen und bis ins Dachwerk reichen, bedarf noch einer genaueren Untersuchung. Die auf den Traufwänden ruhenden Balken bilden offenbar keine dichte Decke über den Schafstall; seitliche Räume waren durch solide Bohlenwände vom mittleren Stallraum und einer anschließenden Querdiele mit rückwärtigem Keller abgetrennt.
  • Nach der Mittagspause berichtete Frank Högg über drei Bauernhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts im westlichen Südharz – einer hauskundlich unerforschten Region, die derzeit von einer heftigen Abbruchwelle betroffen ist. Die gezeigten Beispiele aus Branderode (1654/55 d), Werna (1703, verlängert 1773/74 d) und Friedrichstal (1713/14 d) sind zweistöckige mitteldeutsche Ernhäuser in Stockwerkbauweise, die vor ihrem nicht mehr zu verhindernden Abbruch vom Referenten im Auftrag der Denkmalpflege dokumentiert wurden. Die Entwicklung verläuft von qualitätsvollem Nadelholzfachwerk des 17. Jahrhunderts mit reichen Profilen, Schiffskehlen und „Leiterbrüstungen“ zu schlichteren Gefügen des 18. Jahrhunderts mit abgerundeten Balkenköpfen und K-Streben. Zahlreiche originale Details wie bauzeitliche Schiebefenster, Türen und Treppengeländer, von denen der Referent nur wenige retten konnte, unterstreichen die lebendige Vielfalt einer noch weitgehend unbekannten Hauslandschaft, die infolge von Abwanderung und demografischem Wandel verloren zu gehen droht.
  • Mit ihrem Beitrag zur „hohen Rauchküche“ im Bauernhaus des hannoverschen Wendlandes knüpften Knut Hose und Dirk Wübbenhorst an die letzte Tagung in Hitzacker an und boten neues Material zur wichtigen Frage von Herdraum und Küche. Nach aktuellen Befunden in mehreren älteren Gebäuden gab es im Wendland vor 1800 zwar auch Flettdielenhäuser, doch bestand in ihnen eine funktionale Differenzierung zwischen der nicht so intensiv genutzten Feuerstelle auf dem Flett und einer weiteren Herdstelle im mittleren Raum des Kammerfaches.
    Diese war ursprünglich zweigeschosshoch und kann damit als „hohe Küche“ angesprochen werden. In ihm sehen die Referenten einen „Multifunktionsraum“ als Hauptwohn- und Aufenthaltsraum des Hauses, der erst im 19. Jahrhundert durch eine nachträglich eingezogene Balkendecke unterteilt und durch den Einbau einer Rauchglocke mit Schornstein rauchfrei gemacht wurde. Die letzten Bauernhäuser mit einer „hohen Küche“ im Kammerfach wurden im Wendland noch im frühen 19. Jahrhundert gebaut und konnten auf der letztjährigen Exkursion besichtigt werden (z. B. in Diahren, 1808).
  • Stefan Amt berichtete über ein aktuelles dendrochronologisch-gefügekundliches Forschungsprojekt zu den hölzernen Glockentürmen der Lüneburger Heide, das er derzeit mit Studierenden der Universität Braunschweig und der FH Hildesheim durchführt. Bisher wurden drei von 44 bekannten Holztürmen neu aufgemessen und dendrochronologisch datiert – mit z. T. erheblichen Abweichungen von den bisherigen Altersschätzungen: Meinerdingen, 1383/84 (d, bisher geschätzt „nach 1500“, näheres dazu im Beitrag des Verf. im IGB-Band „Geschichtsdokument Bauwerk“); Munster, 1556 (d, bisher angebl. 1518 nach Blitzschlag); Wietzendorf, 1545 (d, bisher nach Wetterfahne 1749). Hölzerne Glockentürme sind außerdem in Schleswig-Holstein, England, Skandinavien und Osteuropa verbreitet; eine Vernetzung zu einem „European Research Institute on Wooden Belltowers“ ist geplant.
  • Dieter L. Schwarzhans berichtete über seine frühere Tätigkeit beim LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur in Münster, wo er an dem digitalen Kulturlandschaftskataster KuLaDig (www.kuladignrw.de) der Landschafts-verbände Westfalen-Lippe und Rheinland mitgearbeitet hat. Am Beispiel alter Hofstellen im heutigen Stadtteil Henrichenburg der Stadt Castrop-Rauxel zeigte er die Vielfalt erhaltener bäuerlicher Kulturlandschaftselemente und Siedlungsformen (Einzelhöfe, Drubbel) in der Industrielandschaft des Ruhrgebietes, die im Rahmen des Projektes kartiert und für die Internet-Präsentation aufbereitet wurden. Ausgehend vom Urkataster von 1823 werden die gewaltigen Veränderungen der Kulturlandschaft infolge der Industrialisierung deutlich.
  • Daran anknüpfend stellte Thomas Spohn fest, dass die bis heute sichtbaren bäuerlichen Elemente im Ruhrgebiet bei den aktuellen Projekten zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr „Ruhr.2010“ kaum Berücksichtigung finden. In seinem aus diesem aktuellen Anlass entstandenen Vortrag berichtete er über die Lebensmittelversorgung des „Reviers“ aus seinem ländlichen Umland. Spätestens seit der Hochindustrialisierung (seit ca. 1880) war das Ruhrgebiet zur Versorgung seiner stark anwachsenden Bevölkerung auf Lebensmitteleinfuhren aus ganz Westfalen und Teilen Nordwestdeutschlands angewiesen; die Herkunftsregionen einzelner Produkte (Gemüse, Milch, Fleisch) umgaben das Ruhrgebiet wie breite Jahresringe (Müller-Wille 1952), und die Eisenbahn ermöglichte den schnellen und kostengünstigen Transport in den Ballungsraum. So wurden die Bauern in der näheren und weiteren Umgebung zu den „frühesten Profiteuren der Industrialisierung“, die daraufhin ihre Höfe modernisierten. Davon legen zahlreiche neue Hofanlagen mit massiven, separaten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden Zeugnis ab, die im engeren Ruhrgebiet schon seit den 1850-er Jahren entstanden, aber auch Neubauten für bäuerliche Genossenschaften, Molkereien, Schlachthöfe usw. Hier eröffnet sich ein weites Feld für die ländliche Hausforschung, das bisher erst ansatzweise bearbeitet ist.
  • Wie auch weiter entfernte Regionen sich auf die Versorgung industrieller Ballungsräume, insbesondere im Ruhrgebiet, spezialisieren konnten, zeigte später Heinz Riepshoff in seinem öffentlichen Abendvortrag über „Schweine in der Grafschaft Hoya“: Nach dem Bau der Eisenbahnlinie Hamburg-Venlo (1873), die einen schnellen Absatz ins Ruhrgebiet ermöglichte, entwickelte sich die frühere Grafschaft zum „schweinereichsten Kreis des preußischen Staates“. Jeder Kleinstellenbesitzer hielt mehrere Mastschweine und schon um 1900 bestanden große Mästereien mit über 1.000 Tieren, die mit Fischmehl und billiger russischer und rumänischer Futtergerste, die über Bremen importiert wurde, gefüttert wurden.Die heutige „Veredelungswirtschaft“ etwa im Raum Südoldenburg hat hier ihre frühen Vorläufer, die ohne die Absatzmöglichkeiten im Ballungsraum des Ruhrgebietes nicht denkbar gewesen wären.
Am Ende des ergiebigen Vortragstages stimmte Wolfgang Dörfler das keineswegs ermüdete Publikum mit einem weiteren Abendvortrag zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in der Region Rotenburg auf die Exkursion ein. Er stellte die wichtigsten Kriegsparteien in Norddeutschland vor, wo erzbischöflich-bremische, kaiserlich-katholische, protestantische, dänische und schwedische Truppen durchzogen und das Land abwechselnd besetzt hielten – bis 1645 die Schweden die Bistümer Bremen und Verden in Besitz nahmen, was durch den Westfälischen Frieden 1648 bestätigt wurde, und bis 1712 andauern sollte. Insgesamt gehörte der Norden des heutigen Landes Niedersachsen trotz wiederholter Durchzüge zu den weniger stark von Kriegszerstörungen betroffenen Gebieten – was durch eine Reihe von eindrucksvollen Hallenhaus-Neubauten aus den Kriegsjahren bestätigt wird.

Exkursion zu Bauernhäusern aus dem Dreißigjährigen Krieg
Die Exkursion am Sonntag führte zu sechs Bauernhäusern in den Landkreisen Verden und Rotenburg, die alle während des Dreißigjährigen Krieges oder unmittelbar danach erbaut wurden. 

Von einer kleinen Brinkkötnerstelle in Eitze (1637-39 d, ursprünglich mit Vorder- und Hinterkübbungen) über mittelbäuerliche Häuser (Holtum Geest Nr. 10, 1651 d) bis zu großen Vollhofgebäuden (Hassendorf Nr. 6, heute Heimathaus in Sottrum, 1626-1631 d; Ramelsen Nr. 1, 1639 d) handelt es sich um prächtig verzimmerte Zweiständerbauten aus sehr wuchtigen Bauhölzern, die nichts von kriegsbedingter Not oder Armut spüren lassen.

Das eindrucksvollste Beispiel ist sicherlich das schon von Gerhard Eitzen beschriebene „Cohrs Hus“ in Riekenbostel von 1640, ein mittelbäuerliches Haus mit einer 8,70 m breiten Diele und gewaltigen Holzdimensionen (Dielenständer bis zu 53 x 33 cm, Deckenbalken 55 x 42 cm, jeweils breitkant, Luchtriegel 77 x 26 cm hochkant) – das von den Teilnehmern in frisch restauriertem Zustand besichtigt werden konnte.

Überhaupt war die Exkursion auch ein Lehrstück für beispielhafte Restaurierungen von großvolumigen Hallenhäusern, herausragend sicherlich die behutsame Translozierung des Baudenkmals „Hinners Hoff“ in Benkel von 1647 (d), einschließlich der kunstvollen Kieselpflasterung im Flett von 1797 (vgl. Ludwig Fischer: Ein Haus zieht um. IGB, Lilienthal 2002).

In Bezug auf die Zeitumstände des Dreißigjährigen Krieges drängt sich angesichts dieser prächtigen, holzreichen Neubauten der Verdacht auf, dass einige Bauern auf unzerstörten Höfen in Norddeutschland von den Zerstörungen des Krieges in anderen Regionen profitierten – etwa durch hohe Getreidepreise, erleichterten Zugriff auf Bauholz sowie verstärkten Vieh- und Holzhandel, doch wäre dies noch durch interdisziplinäre Forschungen in Zusammenarbeit mit Wirtschafts- und Agrarhistorikern zu bestätigen. Dass die Hausforschung zu dieser Frage aufschlussreiches Material beitragen kann, zeigen die während der Verdener Tagung besichtigten Bauten und die Beiträge der dazu erschienenen Exkursionsbroschüre auf eindrucksvolle Weise.

Brinkkötnerstelle in Eitze (1637-39 d, ursprünglich mit Vorder- und Hinterkübbungen):

Der Hofgiebel
das wiederaufgebaute Backhaus

die Rückseite
Detail Seiteneingang
wieviel neugieriger Hausforscher passen in ein Flett?
das Kieselflett 
Blick auf die Herdwand: zeitgemäßes Wohnen …
– und Blick auf die Grootdör 
Ramelsen Nr. 1, 1639 d:

das große Hallenhaus - hier wird noch aktive Landwirtschaft betrieben
die Grootdör

Heinz Riepshoff führt die Exkursion

die große Scheune
Stalltüren in die Scheune
auf der Diele - hier hat die Eigentümerin …
… ein kleines Bauernhofmuseum eingerichtet
ein originales Kieselflett
und in der Küche noch ein originaler Rauchfang
die Sodwippe und der Brunnen
Scheune von der Rückseite 
die Grabsteine früherer Hofbesitzer und -bewohner

mittelbäuerliche Häuser (Holtum Geest Nr. 10, 1651 d):

ein kleines Bauernhaus mit beeindruckenden Details …
Zierknagge und sechsfach! genagelte Kopfbänder
… das beeindruckt auch die Tagungsteilnehmer 
in der Herdwand ist der verzierte "Eselsrücken" einer ehemaligen Türöffnung erhalten

Forschungspause
der Kammerfachgiebel …
… und Detail desselben

Vollhofgebäuden (Hassendorf Nr. 6, heute Heimathaus in Sottrum, 1626-1631 d

Das Heimathaus in Sottrum …

… und der dazugehörige Speicher
beeindruckende Holzdimensionen, gebaut mitten im Dreissigjährigen Krieg 
die Diele
der Kammerfachgiebel


Transloziertesdes Baudenkmal „Hinners Hoff“ in Benkel von 1647 (d),
einschließlich der kunstvollen Kieselpflasterung im Flett von 1797:

Wiederaufgebautes Haus von 1647,  in Benkel
ein originales, aber transloziertes Kieselflett …
… mit diesen geheimniscollen Mustern 
die Herdwand
Herdwand, mächtiger Luchtbalken und wiederverlegtes Kieselflett

 „Cohrs Hus“ in Riekenbostel von 1640:

Wirtschaftsgiebel von 1640
die Diele
Detail Seiteneingang
Kammerfachgiebel
das alte Haus zwischen jüngeren Gebäuden …
… das Stallgebäude zur Wohnung umgenutzt,  mit endlich mal nicht weiss gestrichenen Fenstern!
Detail des Wohnhauses um die Jahrhundertwende
Nebengebäude …
… mit romantischer Dekoration …
… und diesen profilierten Knaggen, die die Vorkragung tragen

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