22. März 2014

„Das will ich auch! Mode und Imitation im nachbarschaftlichen Bauwesen“

Detail aus dem Giebel des Hofes Looft in Gehlensiel in der Wilster Marsch
26. Jahrestagung 
… des Arbeitskreises für ländliche Hausforschung in Nordwestdeutschland und der Interessengemeinschaft Bauernhaus – in den holsteinischen Elbmarschen vom 14. bis 16. März 2014 in Glückstadt und Umgebung
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Freilichtmuseum Molfsee – Landesmuseum für Volkskunde in der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf

Mit der Elbfähre von Wischhafen nach Glückstadt.
Da hat man einen Moment der Entschleunigung …
Der Tagungsort 
ist die 1617 von Christian IV. (König von Dänemark und Norwegen) gegründete Festungsstadt Glückstadt, mit welcher der Dänische König einen Gegenpol zu Hamburg zu schaffen hoffte und zu deren Aufbau unter dem Versprechen der Glaubensfreiheit Exulanten angeworben wurden. 

Stadtführung am Nachmittag des Anreisefreitags,
im Hintergrund das Rathaus, eingerüstet wegen Renovierung
Der Marktplatz mit dem Kandelaber von 1869 in der Mitte 
Mitten durch die planmäßig angelegte Stadt
zieht sich ein künstlicher Wasserlauf, der Fleth
eine wiederentdeckte Gußeiserne Säule
in einem Haus der Innenstadt
Häuserzeile "Am Hafen”
Das Brückenhaus von 1635, die ursprünglich dazugehörige Hafenbrücke
wurde Anfang des 19. Jahrhunderts abgebrochen
Die Hafenstraße, im Hintergrund das Sperrwerk
Die Häuserzeile "Am Hafen” steht unter Ensembleschutz
Salzspeicher von 1827
Adelspalais am Hafen
Provianthaus
Das Wasmer-Palais mit …
… Illusionsmalerei und großartigen Stuckarbeiten
Haus in traurigem Zustand …
… mit interessanten Befunden im Traufgang
Löwenrelief aus dem alten Stadttor als Radabweiser an einer Hausecke
Im 1632 erbauten Brockdorff-Palais, einem früheren Adelshof,
befindet sich das Detlefsen-Museum
Reiter als Wetterfahne
Im Museum ist ein chinesischer Zirkel ausgestellt: mehrere Setzkästen für den Bleisatz, in runder Anordnung. Nur so ließen sich tausende chinesische Schriftzeichen handhaben. Das Exponat stammt aus der Glückstädter Setzerei Augustin, die darauf spezialisiert war, fast alle Sprachen der Welt, inkl. Ägyptischer Hieroglyphen und Keilschrift,  im Bleisatz zu setzen. 
Modell im Museum:
Glückstadt – vom dänische König Christian IV.
im Jahr 1617 planmäßig angelegt,
sollte eine Konkurrenz zu Hamburg werden.
Der Freitag-Abend-Vortrag im Ratskeller, über die Geschichte der Stadt Glückstadt.
Das Tagungsthema
Am Ende der Diskussion der letzten Jahrestagung mit dem Thema „Hausbau in Etappen – Bauphasen des Niederdeutschen Hallenhauses“ im Mittelpunkt stand die Frage im Raum, inwieweit Um-, An- und Neubauten auch in historischer Perspektive und auch auf dem Lande ganz wesentlich durch Moden ausgelöst wurden. Und vielleicht auch nicht weniger durch das dringende, mitunter wohl gar von Neid getriebene Bedürfnis, dem Nachbarn nicht nachzustehen. 
Folgerichtig steht auf der diesjährigen Tagung das Thema „Mode und Imitation im nachbarschaftlichen Bauwesen“ im Mittelpunkt des samstäglichen Vortragsprogramms. 

Tagungsplatz ist das Poppenhuus, hier der Wirtschaftsgiebel von 1877 
Der repräsentative Wohngiebel von 1877  …
… mit einer Figur der Göttin Flora, Symbol für Fruchtbarkeit und reiche Ernte.
Die Figur (Puppe) gab dem Haus den Namen Poppenhuus.
Kaffeepause – Gelegenheit zum Gedankenaustausch
Würdiger Rahmen für die Tagung:
Die Diele von 1735 im Gasthaus "Poppenhuus"
Besichtigung
…  einer Hofanlage in der Kremper Marsch, bestehend aus einem Fachhallenhaus, einer Scheune und einem Backhaus, zwischen den beiden Vortragsblöcken. 
Der Hof Looft mit einem Haupthaus von 1774 und einer Scheune und einem Backhaus. auf einer grabenumzogenen Warft - einer der schönsten Großbauernhöfe in den holsteinischen Elbmarschen
Wohnwirtschaftsgebäude, 1774,  mit ins Dach eingeschnittener Toreinfahrt


Die Diele mit zehn Gebinden, Deckenbalken sind Floßholz
gebogene Kopfbänder
Die Besitzerin erzählt über das Haus und den Hof
Die Sommerstube mit den aufwändig dekorierten Paneelen
auch die Kopfbänder sind farbig gestaltet passend zu den Deckenbalken
Der Wohngiebel mit einem seitlichen Anbau
Bäuerlicher Wohlstand zeigt sich auch in dem repräsentativen Wohngiebel
Die Brauttür führt in den seitlichen Sommerhausflügel von 1776
Natur und Kultur …
Die Exkursion am Sonntag
In der Umgebung, der Kremper- und der Wilstermarsch, zwischen Nordostseekanal, Elbe, Stör und Geestrand, finden sich zwei historische Bauernhaustypen und zwei Scheunenarten (jeweils Gulf-und Fachhallenkonstruktionen) – passend zum Tagungsthema äußerlich verwandt, innerlich jedoch grundverschieden. 
Sie, sowie kleine Kirchdörfer und ländliche Zentralorte in weiter, vom Wasser geprägter bäuerlicher Kulturlandschaft rund um die tiefste Landstelle Deutschlands sollen auf einer gemeinsamen Busexkursion erfahren werden. 

Exkursion in die Wilstermarsch 
Besucht werden zwei bäuerliche Hofanlagen (Barghus, Husmannshus und 
Bargscheune), eines ehemaligen Kirchspielortes (Kirchspielvogtei, Kirche, ehemals 
Häuserfronten als Hochwasserschutz) und die Stadt Wilster als Zentralort 
(Renaissancerathaus, Bürgerliches Palais mit reicher Ausstattung, Kirche des 
Baumeisters Sonnin). 
Zielsetzung der Ausfahrt ist der Versuch, über die Erfahrung der von Menschenhand 
geschaffenen Kulturlandschaft der Marsch mit ihrer charakteristischen Siedlungs- 
und Entwässerungsstruktur und über die Betrachtung der Einzelobjekte mit ihren 
baulichen Veränderungen hinaus, die Verwandtschaft bäuerlicher und innerdörflicher 
Bauweisen sowie den Zusammenhang zwischen Phasen landwirtschaftlicher 
Hochkonjunktur und kleinstädtischen Repräsentationsbauten zu verdeutlichen. (Quelle: Exkusionsführer)

Barghus, kurz nach 1737 errichtet
Grundriss und Gerüst-Konstruktion
Das Gerüst des Stapels, in dem Gevier wurde die Ernte gelagert
durchgezapfte Ankerbalken, unten am Zapfenohr mit Floßspuren
Ständer mit Floss-Spuren
Heizkörper mit floralen Ornamenten…
… und eine Kaffeekannenparade
Das Barghus mit dem angesetzten Wohntrakt und links ein Stallgebäude
vor dem Wohgebäude der Kräutergarten
der regionale Giebelschmuck sind  hier die verzierten Firstbretter
Sturm und Regenschauer – tolles Exkursionswetter
Der Wohnteil eines Fachhallenhauses
… vom Eichengerüst aus dem Jahr 1569 d, mit ursprünglich 11 Fach, sind allerdings nur noch zwei Fach erhalten, 
links der letzte sichbare Ständer mit Kopfband
die übriggebliebenen Gebinde des Hausgerüstes
der Rest des abgeschnittenen Hauses ist großflächig verglast – leider mit diesen hellen Aluprofilen, dunkel wäre besser gewesen …
Bildunterschrift hinzufügen
zum Hof gehört diese Bargscheune aus dem Jahr 1605 d
Die Scheune ist zum Niedrig-Energie-Wohnhaus umgenutzt –
unter Erhaltung des historischen Gefüges
durchgezapfte Ankerbalken und lange Kopfbänder halten das 6 m hohe Gerüst zusammen
moderne Innenwandgestaltung mit weiß lasierten OSB-Platten 
Mittagessen direkt hinterm Deich
mit Blick auf die großen Pötte auf der Elbe
Die Schöpfmühle Honigfleth ist ein durch Wind angetriebenes funktionsfähiges Wasserschöpfwerk und die einzige noch bestehende (Bockwind)Mühle ihrer Art in Schleswig-Holstein

Wilster

Familienfoto aller Tagungsteilnehmer/innen
vor der Kirche in Wilster
Bartholpmäuskirche, 1775 - 1781 nach Plänen des Architekten Sonnin gebaut
Im Inneren zwei
geschwungene Emporenränge im Gemeindeteil, Kanzelaltar

zwischen zweigeschossigen Emporenlogen im Chorpolygon

Dachwerk der Kirche 
Diskussion unterm Kirchendach

Autogramm vom Maler

Das alte Rathaus, 1585 i + d, ist heute ein städtisches Museum
Der Blick nach oben: Christine Scheer erläutert die Sanierungshistorie der vergangenen Jahre am alten Rathaus

Kopfband im Speicher neben dem Rathaus
Die Rathaus-Fassade
Inschrift auf der Lade: GILDELADE DERER VIER STAEDTE GLÜCKSTADT - ITZEHOE - CREMP - UND WILSTER - ANNO 1737 DEN 20 IUNI

Farbfassung der Decke in der unteren Rathaushalle

Holländische Fliesen an den Wänden
Floßspuren im Deckenbalken

Seit 1976 ist im Rathaus die Doos’sche Bibliothek untergebracht
kleinstädtischer Strassenzug in Wilster

Neues Rathaus der Stadt Wilster – das Doose’sches Palais, 1785 bis 1786 errichtet
die mehrfach veränderte Fassade wurde 1938 rekonstruiert
im Obergeschoss sind die repräsentativen Räume, wie der Rokoko-Saal
Ausschnitt aus der Decke

bemalte Paneele in den kleinen Nebenräumen
Wewelsfleth
Nach 1500 wurde der Ort Wewelsfleth wegen häufiger Überflutungen vom Elbufer ins Landesinnere an den Nebenfluss der Stör verlegt. Die Häuser der Strassenzüge Deichreihe und Dorfstraße wurden unmittelbar auf dem Stördeich errichtet. Bei Sturmfluten bildeten ihre Vorderfronten den Hochwasserschutz, die Lücken zwischen den Häusern wurden mit starken Holzbohlen in gemauerten Nuten verschlossen. Wewelsfleth besitzt eine lange Schiffbautradition (bis heute).

Die neue Kirche aus dem Jahr 1503
Das schlichte Innere der Kirche
Grabsteinkultur aus dem 16./17. Jahrhundert
Detail mit "dickem Kind" und Stundenglas


Blick ins Innere des freistehenden hölzernen Glockenturmes
Signatur eines Handwerkers im Glockenturm
in Wewelsfleth gab es auch immer kleine Schiffswerften – die Grabsteine dokumentieren das 
dicht bei der Kirche steht das älteste Gebäude des Ortes:
Alter Speicher, 16./17. Jh. ?? (steht auf einer Tafel am Gebäude)
Eck-Knoten, Zahnschnitt, Tauband
hübsche Knaggen
Beschreibung im Exkursionsführer: Langgestreckter zweigeschossiger Fachwerkbau mit Satteldach und zweistufigen Brettergiebeln. Straßenfront aus Ziegelmauerwerk mit einer Utlucht, datiert 1698 i, 1683 d-
Günter Grass rettete das Haus 1970 vor dem Abriss und wohnte hier bis 1984. 1985 schenkte er das Haus der Alfred-Döblin-Stiftung. Nutzung durch wechselnde Literatur-Stipendiaten.
Hauseingang, links die Utlucht
Kopfbänder im Untergeschoss
im Obergeschoss ein Saal mit Kamin von 1698 und hinter der Paneele  …
… Fragmente einer figürlichen Wandbemalung
Kopfbänder im Obergeschoss
1830 wurde ein Kolonialwarenladen eingerichtet
Die Rückseite des Gebäudes ist älter und stammt aus dem Jahr 1590 d
geheimnisvolle Linienritzungen am Ständer 
Zurück in Glückstadt.
Vor der Heimreise noch ein kurzer Blick auf den jüdischen Friedhof.
Er macht im Moment keinen glücklichen Eindruck,
soll aber in nächster Zeit seine alte Würde zurückbekommen.
Wir verabschieden uns von dem Dänischen König Christian IV., dem Gründer von Glückstadt …
… und starten unseren Heimweg mit der Fähre über die Elbe …
Zum Schluß möchte ich hier noch einen besonderen Dank an Christine Scheer loswerden, die – in Zusammenarbeit mit Dr. Wolfgang Rüther vom Freilichtmuseum Molfsee – eine Großartige Tagung organisiert hat.
Danke Christine.
bk

1 Kommentar:

  1. Liebe Leute, von der Stabi hier in Hamburg habe ich den link bekommen, weil ich auf deren post bei Facebook einen Kommentar abgegeben hatte.

    Ich freue mich sehr darüber!, denn ich bin in Burg/Dithmarschen geboren, habe später bei meinem Vater in Oldendorf/Kreis Steinburg in der Grundschule Heimatkundeunterricht gehabt und bin vor knapp 39 Jahren aus Itzehoe nach Hamburg gezogen.
    Meiner "alten" Heimat (die ja auch die Äcker vor Hamburg genannt wird) bin ich aber weiterhin verbunden, weil ich dort Verwandte und Bekannte habe, und Glück-Stadt (= meine Schreibweise) kenne ich sehr gut, von früher, und ich besuche die schöne kleine Stadt und verschiedene Künstlerinnen dort immer wieder gerne.
    Vielleicht haben Sie Lust, meinen plattdeutschen Text über die "Deern" in G. zu lesen: http://www.plattpartu.de/kuenst/glueckstadt.htm

    Herzliche Grüße - Katja H. Renfert
    www.renfert.net


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