1. April 2018

im Emsland

Diele des Hofes Banke
Die 30. Tagung des Arbeitskreises für Haus-und Gefügeforschung in Nordwestdeutschland, fand vom 16.-18. März 2018 in Gersten (Emsland) statt. Tagungsort war das Haus Feye, ein Bauernhaus von 1815.

Das Tagungsthema: Fenster

Physikalisch gesehen, sind Fenster Elemente von Wänden, die durchlässig sind für sichtbare elektromagnetische Strahlung – Licht -, aber was sagt das schon? Vor allem sind sie von allen nicht statisch konstruktiven Bauteilen des Hauses die funktionell wichtigsten. Vergleichsweise grazil und durch das Glas ziemlich fragil, dazu oft noch starker Bewitterung
ausgesetzt, erreichten sie häufig nicht die Lebensdauer des Gebäudes, so dass sie häufig ausgetauscht werden mussten und dabei technisch und modisch an den Zeitgeschmack angepasst werden konnten. Nach dem Richtfest – der Fertigstellung des konstruktiven Gerüstes – gab es ja auch das „Fensterbier“, bei dem die mit dem Einsetzen der Fenster erreichte Bewohnbarkeit feierlich begangen wurde. Leider sind im Gegensatz zu den meist soliden Richtfestinschriften wohl die meisten materiellen Zeugen dieser zweiten Feste – die Bierscheiben – zerstört, in der Regel mitsamt den Fenstern, in die sie eingebaut waren.
Monographische Beschäftigungen mit dem Themenkomplex „Fenster“ sind noch im Gegensatz zur Bedeutung diese Bauteils immer noch selten; Fenster werden oft nur im Kontext von umfassenderen Bauuntersuchungen behandelt. Das ist uns Anlaß genug, in unserem Kreise einmal zusammenzutragen, was wir über Fenster in Volks- und Profanarchitektur in Nordwestdeutschland eigentlich wissen. Um einmal einige Gesichtspunkte zu benennen, die mir einer Bearbeitung wert erscheinen und als Gerüst für eine Strukturierung des Programmes dienen könnten:
  • „Windzuge oder Ruten: Lichtöffnung, Luftöffnung oder beides?“ Zur Entwicklung von Funktion, Gestaltung und Technik im Lauf der Zeit
  • „Zum Durchgucken, zum Belichten oder zu beidem?“. Unterschiedliche Fenster und Fensteranordnungen für unterschiedliche Zwecke „Die Augen des Hauses“: Fenster als gestalterische und modische Elemente in der Innen- und Aussenarchitektur
  • „Scherben bringen Glück“: Glastechnologie und Fensterkonstruktion.
  • „Schotten dicht“: Klappen, Schlagläden, Rolläden 
  • „Das Fenster als Kunstwerk“: Brandglas, Farbglas, Ätzglas, Sprossenbilder....
  • „Archäologie des Fensters“: Spurenlese am Bau nach Fenstern und Fensterformen, die aus einem Gebäude längst verschwunden sind.
Am ersten Tag wurde den Tagungsteilnehmern das Dorf Gersten vorgestellt, ein Mischung aus Haufendorf, Eschriegensiedlung und Streusiedlung, dessen wesentliche Elemente auf einem Rundgang erkundet wurde.
Erstes Objekt war der weitgehend restaurierte und komplett erhaltene Hof Banke, dessen Haupthaus 1734 errichtet und dann bis etwa 1950 fortgeschrieben wurde. Sein Nachbar ist etwa 40 Jahre jünger.
Der Rundgang führt uns durch den Ortsteil Obergersten; nach einer Kaffeepause ging es weiter durch Untergersten an Heuerhäusern vorbei, um in dem vor der Stiftung nach höchsten denkmalpflegerischen Standards museal restaurierten Hof Feye zu enden.
Freitag Nachmittag: Besichtigung für die schon früh angereisten Tagungsteilnehmer/innen – der Hof Banke in  Gersten von 1734 d/1821/1873
Nach und nach versammeln sich immer mehr Teilnehmer/innen unter großem Hallo im Flett des Bauernhauses.
Wanddekoration im Flett
Sammlung von Schlössern und Ähnlichem 
reparierte Knagge unter dem Luchtbalken
eigentümlicher schräger Balken in der Herdwand
bebilderte Historie der Bauernhaussanierung
ziemlich lange geschweifte Kopfbänder auf der Diele
Bretterwand zwischen zwei Kammern


Die wieder hergerichtete Scheune wird begutachtet
Inschrift am Scheunengiebel: 1846 i, 17. Jh. d
Das schon einmal verkaufte und wieder zurückgekaufte Backhaus von 1720 i an seinem ursprünglichen Standort
Knaggen am Backhausgiebel
Passt zum Tagungsthema: Rauchabzugsöffnung im Backhaus.
geniales Detail an der Backhaustür: Griffmulde in der Klaspe
Kammerfachgiebel mit krummen Ständern
Zimmermannszeichen
Gersten Nr. 9, Bauernhaus von 1775 d/1862 
profilierte Knaggen tragen die Vorkragung des Giebels
Auf jedem Deckenbalken dieses Hallenhauses findet sich eine Inschrift




Inschriften-Rätsel auf dem Torbalken
Haus-No. 2 g
Hausforscherspaziergang in der Dämmerung zum nächsten Besichtigungsobjekt
unterwegs romantischer Verfall aufgegebener Gebäude im Wald
großes T-Haus … 
…  von 1904
Es wird dunkler – und die Häuser spannender …
… jetzt kommen die Taschenlampen zum Einsatz
"volles Haus"
wir sind im Land der Gabelständer
Gabelständer
Hausforscher-Diskussion im Dunkeln
Zurück im Tagungsbauernhaus: Nach einem Abendessen führt uns ein spannender Vortrag in die Welt des Heuerlingswesens in der Region Emsland ein.
Das Tagungshaus: 
Die Gemeinde Gersten im Emsland entstand aus den Bauernschaften Gersten und Drope. Im Heberegister des Klosters Werden an der Ruhr werden sie erstmals als „Gerustan“ und „Dorp“ im Jahre 890 erwähnt. Heute besteht Gersten aus sechs Ortsteilen. Das historische Haus Feye liegt im Bereich des alten Drope. 
Das Haus wurde 1815 als niederdeutsches Hallenhaus in Vierständerbauweise über einem ehemaligen Torflager erbaut, auf das die heutigen Setzungsschäden zurückgeführt werden können. Das ehemalige Vollbauernhaus wurde nach 1900 als Heuerhaus umgebaut und genutzt, also als ein zu einem Bauernhof gehörendes Wohngebäude für Bedienstete. Im Inneren sind im Zustand von 1880 das Gefüge, die Wandfassungen und der alte Wohnteil erhalten. Historische Schablonen- und Freihandmalereien an den inneren Putzwänden werden auf 1860 datiert. Eine Seltenheit bilden die erhaltenen Wandbetten, die sogenannten Durken, die in den meisten Bauernhäusern bereits im frühen 20. Jahrhundert beseitigt wurden. Der Erhaltungszustand des Gebäudes stellt für das südliche Emsland eine Besonderheit dar. (Text aus dem Exkursionsflyer von Dietrich Maschmeyer).
Das restaurierte Haus Feye in Gersten, ein Vollbauernhaus von 1815.
Der Torbogen mit der Inschrift von 1815
Nach Befund wiederhergestellte Rotfassung der Außenfassade
Rekonstruierte Schiebefenster nach den Originalen von 1918
Diskussion um ein rekonstruiertes mittelalterliches Fenster. 
Interesse am Büchertisch
Auf dem Hof Feye in der Abenddämmerung …
… erklärt Dietrich Maschmeyer das im Bau befindliche Backhaus.
Besichtigung der Sammlung unter dem Dach des großen Bauernhauses …
… mit einer umfangreichen Sammlung von bäuerlichen Truhen
Hier auf dem Dachboden wird auch die Fensterhistorie dieses Hauses ansehnlich präsentiert.  Eine nachahmenswerte Idee. 
Große Zimmerer-Zählmarken an den Sparren.
Hübsches Türband aus dem 19. Jh.
Der Abend endet beim Bier im familiär-freundschaftlichen Gespräch.
Die Exkursion
Bei der Exkursion am nächsten Tag sehen wir eine der bedeutsamen Dorfkirchen der Region – nicht nur mit ihrem Dachwerk – in Lengerich.
Danach geht es in die kleine Stadt Fürstenau, die ab der Mitte des 14. Jh. als absolute Plananlage vor der westlichsten Osnabrücker Landesburg entstand.

Die reformierte alte Kirche in Lengerich … 
… und der dazugehörige Turm.




Schluss-Stein im Kirchengewölbe




Ein Gang durch Fürstenau
Der Zugang zur Burg Fürstenau
Das Torhaus der Burg
zweigeschossiges Haus Grosse Strasse 5, 1608 d
Vorkragung der Traufwand
auf die Dielen aufgemaltes Schachbrettmuster

Tapetengeschichte

Eleganz der Gründerzeit


Kopfband und Wanddekoration mit Scherenschnitt-Medaillons

liegender Stuhl im Dachgeschoss

Lastenaufzugsrad

Straßenzug in Fürstenau mit Blick auf das Hohe Tor (Stadttor).

Fachwerkgiebel eines Geschäftshauses …
… die sich zum Bogen vereinigenden Kopfbänder in der Traufseite verweisen auf ein höheres Alter.
Handwerkerhäuser
Inschrift und Datierung von 1838 im Balken über der früheren Toreinfahrt
Nicht nur in ländlichen, auch in städtischen Konstruktionen findet man hier im Emsland die typischen Gabelständer
renoviertes giebelständiges Fachwerkhaus – die frühere Toreinfahrt ist noch nachvollziehbar
Das Hohe Tor (früheres Stadttor) in Fürstenau – Steinwerk-Expertin Caroline Prinzhorn erklärt das Bauwerk.

Das Gitterfachwerk im Giebeldreieck …
… scheint hier ein typisches Gestaltungselement zu sein.
Die evangelische Kirche ist eine Einschiffige Saalkirche, 1606 ausgebrannt, danach verlängert wieder aufgebaut. Fenster in frühen 19. Jh. verändert. Turm um 1900,  
die schlichte Ausstattung des Kirchenschiffs.
der Kirchen-Dachstuhl von 1608

das Kirchengewölbe von oben
Die Burg Fürstenau auf der Insel

(DM) Nach dem Mittagessen geht es zu einem Kleinod der Region, dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster und heutigen Stift Börstel, das heute noch so einsam liegt wie im Mittelalter. Dort besichtigen wir neben Kirche, Kreuzgang und dem ehemaligen Dormitorium, dem Nonnenhaus, (alles aus Backstein!) auch den zum Kloster gehörenden Hof Vosseberg, auf dessen Bedeutung bereits Gerhard Eitzen hingewiesen hat.

Das Abteigebäude des Stifts Börstel
Wenige 100 Meter vom Stift entfernt liegt der denkmalgeschützte Hof Vosseberg

Das ehemalige, im 19. Jh. nach Börstel versetzte Gebäude des Meierhofes in
Menslage (sog. Haus Vosseberg) ca. 1575 d
Diele des Hallenhauses mit Blick auf die Herdwand

Hinter der Luke ist der Diele-Deckenbalken-Knotenpunkt zu sehen …
… wo sich Quer- und Längsverband treffen

Knagge unter dem Luchtbalken …

… auch hier gibt es Diskussionsbedarf

Der Kammerfachgiebel 
Kirche und Nonnenhaus des Stifts
Speicher und Pferdestall
der Pferdestall …

… 1684 gebaut, 1884 umgebaut und erneut umgebaut  1920.

… die Umbaumaßnahmen im Inneren sind gut nachzuvollziehen
Spoeicher
links die Rückseite des Pferdestalls und der Giebel des großen massiven Speichers …

  … das Dachwerk wurde auf 1552/3 d datiert … 



Materialästhetik
Baugeschichte in Backstein
Die Stiftskirche und links daneben das Nonnenhaus


Altar der Stiftskirche

gemalte Dekoration auf Holz …

… und auf Stein


Nonnenhaus (ehemaliges Dormitorium) Dach um 1515 d

Dachwerk des Nonnenhauses


Kreuzgang

Kreuzgang

Die interessante Exkursion am Sonntag endet hier.

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