3. Juni 2016

Holzbau-Highlights: Zwei Kirchen und noch zwei Bauernhäuser

Südansicht der Kirche – unser erstes Besichtigungsobjekt.
Wir sind weiter mit Josué und Ibon im spanischen Baskenland unterwegs. Die beiden waren uns in vielfacher Hinsicht behilflich: Unser Hausforscher-Bus musste in die Werkstatt - ohne die Hilfe von Josué und Ibon hätten wir damit in einem Land, dessen beide Sprachen wir nicht beherrschen (spanisch und baskisch) vermutlich Schiffbruch erlitten. Jetzt zeigen die beiden uns weitere, wirklich überraschende Highlights des baskischen Holzbaus.
Zunächst besuchen wir die alte Kirche La Antigua bei Zumarraga auf einem Berg oberhalb des Ortes. Der äußerlich schlichte gotische Bruchsteinbau wird 1336 erstmals erwähnt und um 1480 neu ausgebaut.
Abgesehen von dem gotischen Südportal ist
der Bau äußerlich völlig schlicht...
... und überrascht von innen mit einem ungewöhnlich
aufwendig gezimmerten Holzgerüst.
Dieser Ausbau ist mehr als überraschend: Auf sechs steinernen Rundpfeilern erhebt sich ein imposanter und reich geschnitzter Holzbau mit Emporen und offenem Dachstuhl - diese Kirche sieht aus wie eine große Klosterscheune.
Die Holzteile sind überaus sorgfältig gezimmert und mit Schnitzwerk verzierht - hier ein verzierter Kopf eines Sattelholzes, ähnlich wie in den gestern besichtigten Bauernhäusern.
Wir sind begeistert und bekommen eine Führung von einer
freundlichen Mitarbeiterin in der Kirche.
Nachdem wir den Holzbau gebührend gewürdigt haben,
besuchen wir das Städtchen Urretxu...
... mit seiner Kirche St. Martin de Tours mit
einem schönen barocken Glockenturm.
Die mittelalterliche Hallenkirche erhielt 1576 neue,
höher Säulen und Kuppelgewölbe - aus Kastanienholz!
Auch die Kreuzgratgewölbe der Seitenschiffe sind aus Holz.
Eine Gruppe von engagierten, geschichtsinteressierten jungen
Leuten erklärt uns die Kirche und zeugt uns deren Schätze...
... darunter dieser silberne Reliquienschrein mit Inhalt.
Abschiedsfoto mit den jungen Leuten vor der Kirche -
diese Besichtigung hat viel Spaß gemacht.
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Anschließend besuchen wir noch den Hof Aritza in Aduna, ein baskisches Bauernhaus mit mittelalterlichem Innengerüst, das zur Zeit von Ibon restauriert wird. Das Gebäude war längere Zeit eine Ruine mit eingestürztem Dach, das aber inzwischen wieder statisch gesichert und unter Dach ist.
Ein Blick in das dreigeschossige, mittelalterliche Innengerüst des Hauses. Einige der tragenden Ständer stammen noch aus dem 15. Jahrhundert, doch wurde das Gerüst im 17. Jahrhundert und später mehrfach verändert.
Die Zimmerung ist kompliziert und mehrfach verändert.
Auch in diesem Haus gab es eine große Apfelpresse im Obergeschoss zur Herstellung von Cidre. Die ursprüngliche Anlage mit langem Pressbaum wurde im 17. Jahrhundert zu einer Spindelpresse mit mehreren hölzernen Spindeln umgebaut.
Zwei Lagerblöcke der früheren hölzernen Spindeln
sind noch unter der Dccke erhalten.
Sie haben ein eingeschnittenes Holzgewinde
für die früheren Pressspindeln.
Ein weiterer Lagerblock mit Gewinde befindet sich
auf dem Boden des Obergeschosses.
An einer Stelle befinden sich viele alte, verstaubte Flaschen - einige sind noch mit Korken verschlossen. Möglicherweise enthalten sie noch über 100 Jahre alten, selbstgepressten Apfelwein.
In der Bruchsteinaußenwand des Hauses sind Keramikgefäße eingemauert -
vielleicht als Verstecke für Geld oder andere wertvolle Gegenstände.
Die Außenwände des Hauses sind später
(im 16. oder 17. Jh.) versteinert worden...
,,, nur am bergseitigen Rückgiebel
sind noch Teile von Fachwerk erhalten.
Hier gibt es einen umgedrehten Gabelständer im Gefüge -
der hier als ein jüngeres Baumerkmal des 17. Jahrhunderts gilt.
Schließlich besichtigen wir noch das unter der Leitung von Ibon restaurierte Bauernhaus Ibarrola Haundi in Usurbil. Auch dieses Haus besitzt ein spätmittelalterliches Innengerüst aus sehr dicken Hölzern mit angeblatteten Streben.


Der über 50 cm breite Mittelständer im Erdgeschoss besitzt eine mit dem Beil oder Dechsel eingehauene Öffnung unbekannter Funktion. 
Das mittelgroße Haus besitzt drei tragende Innenständerreihen.
Sorgfältig ausgestemmte Kopfbandanblattung mit Kehlungen
und doppeltem Haken. Das Kopfband selbst ist erneuert.
In der Mitte des Hauses liegt ein mächtiger Gabelbaum als Unterzug unter der Decke. Der senkrechte Doppelständer setzt sich im Obergeschoss fort.
Hier ist der gewaltige Gabelbaum unter der Decke gut zu erkennen.
Der doppelte Ständer aus dem Erdgeschoss setzt sich im Obergeschoss fort und hat senkrechte, ausgestemmte Schlitze - ein eindeutiger Befund für eine frühere Apfelpresse, die es auch in diesem Haus gab.
Ein Ständer im Dachgeschoss mit Sattelholz
und doppelten angeblatteten Kopfstreben...
... mit sorgfältig ausgeschnittenen, geschweiften Hakenblättern.
Das zugebörige Sattelholz zeigt eine geschnitzte, geometrische Verzierung, wohl aus dem späten 15. Jahrhundert. Ähnliches haben wir heute morgen in der Kirche von La Antigua bei Zumarraga gesehen.

Der Dachboden des Hauses ist über eine seitliche Hocheinfahrt zugänglich. Davor steht eine stattliche Steineiche, nach Aussage von Josué mindestens so alt wie das Haus, also über 500 Jahre!
Die freundlichen Hausbesitzer bewirten uns mit Apfelwein und Brot mit Schinken und Käse - als Dankeschön zum Abschied gibt es Hausforscher-Bücher.
Zum Abschluss des Tages fahren wir an die Küste und sehen zum ersten Mal den Atlantik. Vom Berg haben wir einen spektakulären Blick auf die Stadt San Sebastian.
San Sebastian ist eine mondäne Großstadt mit Strandpromenade und prächtigen Gebäuden des Historismus, Jugendstil (Art Nouveau) und Art déco (1920er Jahre). Eine Stadtrundfahrt beschließt diesen aufregenden Tag.
Fotos: Bernd Kunze; Texte: Heinrich Stiewe

Zum nächsten Tag  –––>

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