2. Juni 2016

Mittelalterliche Bauernhäuser im Baskenland

"Familienfoto" der Hausforscher vor dem Bauernhausmuseum
Heute ist der Tag der Gefügeforscher: Wir treffen uns mit dem Dendrochronologen Josué Susperregi und Ibon Telleria, einem bauernhausbegeisterten Architekten aus dem Baskenland, um einige von den beiden untersuchten und restaurierten Bauernhäuser zu besichtigen. Doch zunächst besuchen wir zur Einstimmung das Bauernhausmuseum Igartubeiti in Itsaso bei Ezkio, um eine Vorstellung von der traditionellen Baukultur des Baskenlandes zu gewinnen. Es sollte ein überaus interessanter und spannender Tag werden.
Das Museum besteht aus einem typischen Bauernhaus des 16. Jahrhunderts aus dem Baskenland - und einem hypermodernen Eingangsgebäude aus Beton, in dem uns die traditionelle Kultur der Region multimedia-mäßig mit vielen Videos präsentiert wird.


Das Museumsgebäude ist ein baskisches Bauernhaus des 16. Jahrhunderts - mit einem knapp 25 m breiten Giebel. Das flach geneigte Pfettendach ruht auf fünf parallelen Ständerreihen und zwei Bruchsteinaußenwänden, der Giebel ist verbrettert. In der offenen Erdgeschosslaube befinden sich die Eingänge in den Stall- und Wohnteil des Hauses.
Brettergiebel mit Pfettenköpfen
Herdstelle mit Wendebaum, rechts der gemeinsame Essplatz. Das Haus ist ein Rauchhaus ohne Schornstein, Menschen und Tiere leben unter einem Dach - für norddeutsche Hausforscher ist das alles durchaus vertraut...
Stollentruhe mit Kerbschnittdekor
Nach dem vielen Steinbau der letzten Tage gibt es endlich was für die Gefügeforscher: Hakenblätter mit geschweiftem Anschnitt - ein Leckerbissen... :-)
Zentrum des Hauses ist keineswegs die Herdstelle... - sondern eine riesige Apfelpresse mit einem etwa 9 m langen Pressbaum. Cidre, also Apfelwein, ist das Volksgetränk und Lebenselixier der Basken.
Die nette Museumsführerin erklärt uns die Funktionsweise der Apfelpresse. 


Die Presse befindet sich im Dachgeschoss und ruht auf der Erdgeschossbalkenlage. Ein mächtiger, etwa 9 m langer Pressbaum wird mit einer hölzernen Spindel im Erdgeschoss unter Spannung gesetzt, die Presse baut einen Druck von bis zu 20 Tonnen auf. Die auszupressenden Äpfel werden von Hand gestampft, dann werden darüber Balken kreuzweise aufgestapelt und von oben baut der Pressbaum den notwendigen Druck auf. Aus dem frisch gepressten Saft wird dann Apfelwein (Cidre) mit ca. 6 Prozent Alkohol gekeltert.
Anschließend fahren wir in die Berge und besichtigen das erste von Ibon restaurierte und von Josué datierte Bauernhaus in Ezkio - es ist ein über 25 m breites Giebelhaus und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der Besuch im Bauernhausmuseum hilft uns, das umgebaute Gebäude besser zu verstehen: Auch dieses Haus besaß eine große Apfelpresse im Dachgeschoss, von der noch Spuren im Gefüge zu erkennen sind.
Der Hof ist ein produzierender Milichviehbetrieb, als erstes besuchen wir die Kühe auf der Weide. Im Stallteil des Hauses stehen die Rinder.

Ein Blick in das weitläufige Dachgeschoss des Hauses. Das flach geneigte Pfettendach ruht auf sieben parallelen Ständerreihen. Das ganze Gefüge erinnert uns an Bauernhäuser im fränkischen Jura und im Altmühltal.
Es gibt lange, angeblattete Kopfstreben...
... mit Schwalbenschwanz- und Hakenblättern.
Einige Ständer haben lange Sattelhölzer mit sorgfältig verzierten Enden, hier in abgetreppter Form.
Blick von oben in die Tenne, die über eine Hocheinfahrt befahren werden kann. Ähnliche Erschließungen kennen wir aus den Alpen und dem Schwarzwald.
Haio (rechts) im Gespräch mit Ibon (links) und Josué (Mitte). Der fachliche Austausch mit den beiden baskischen Experten ist ausgesprochen anregend.
Die Eigentümerfamilie freut sich über unsere Begeisterung für ihr altes Haus und bewirtet uns mit Cidre, Brot und Käse und gegrilltem Kaninchen - stilecht auf einer Stollentruhe im Dachgeschoss.
Das Dachgeschoss wird von Ibon als Wohnung für den Sohn und seine Familie ausgebaut - die Fenster mit durchbrochenen Läden und atemberaubendem Blick in die Landschaft sind schon fertig.
Die gastfreundliche Eigentümerfamilie freut sich über die mitgebrachten Hausforscherbücher. Links der Architekt Ibon, rechts Josué, der Dendrochronologe.
Nächste Station ist die Stadt Bergara mit barockem Rathaus und einigen ansehnlichen Renaissance-Palästen in der Altstadt. Unser Ziel ist die Stadtkirche Sta. Maria (Turm im Hintergrund).
Die Kirche (kein spanischer Barock, sondern Renaissance!) wurde in den letzten Jahren gründlich restauriert. Wir erhalten eine exklusive Führung von dem verantwortlichen Architekten Aitor Zubia vom Büro Zetabi.
Die Kirche ist eine geräumige, spätgotisch wirkende Hallenkirche mit Netzgewölben, die aber in den Details von der Renaissance geprägt ist. Sie entstand in zwei Bauphasen kurz nach 1500 und nach 1550.
In der Kirche erhalten wir einen Lichtbildervortrag zur aktuellen Restaurierung.
Nicht nur in der Grafschaft Hoya gibt es Kieselfletts - dieses kunstvoll verlegte Kleinpflaster aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde in der Sakristei freigelegt.
Und ein weiteres Highlight für die Hausforscher: Wir besichtigen das restaurierte Dachwerk - ein "römisches" Pfettendach mit flacher Neigung und beeindruckenden Spannweiten und Holzdimensionen.
Holzverbindungen im Dachwerk: Zapfenschloss des Seitenschiff-Spannbalkens und aufgelegter Deckenbalken über dem Hauptschicff.
Hölzerner Vorbau vor dem Westportal der Kirche.
Danach geht es wieder in die Berge, wo uns ein weiteres Highlight erwartet: Ein Speicher in Ständerbohlenbauweise aus dem 16. Jahrhundert - auf steinernen "Mäusepfeilern".
Zur besseren Unterlüftung und als wirkungsvoller Schutz gegen Ratten und Mäuse ruht der Speicher auf konischen Steinpfeilern mit weit überstehenden, runden Abdeckplatten. Den spitzen Winkel zwischen Pfeiler und Platte kann kein Nager überklettern.
Das flach geneigte Dach steht zu allen Seiten weit über und wird von schrägen Kopfstreben gestützt.
Die Steinpfeiler sind etwa 1,60 m hoch - damit ist das Gebäude für Heinrich entspannt unterfahrbar.
An der Speichertür hängen zwei getrockntete Silberdisteln - vermutlich zu magisch-unheilabwendenden Zwecken.
Das letzte Bauernhaus des Tages ist der Hof Hanndi in Zuaznabar - ein weiteres, riesiges "Breitgiebelhaus" mit insgesamt sieben dachtragenden Ständerreihen, die im Giebel sichtbar sind.
In der heutigen Tenne gewinnen wir einen ersten Eindruck von den gewaltigen Holzdimensionen der tragenden Ständer und Kopfbänder, alles aus bester Eiche.
Spätestens im 19. Jahrhundert wurde das mächtige Haus unter zwei Besitzern geteilt - durch eine massive Mittellängswand unter dem First.
Die Enden der Sattelhölzer unter den Pfetten im Dachgeschoss sind sorgfältig mit geschnittenen Profilen und treppenförmigen Abstufungen verziert.
Kerbschnittverzierung an einem weiteren Sattelholz.
Zum Abschluss bsuchen wir das etwa 850 m hoch gelegene Bergdorf Altzo mit einer interessanten Kirche und mehreren sehenswerten Bauernhäusern, die wir in einem kurzen Rundgang besichtigen. Mit einem gemeinsamen Abendessen klingt dieser spannende Tag aus.
Fotos: Bernd Kunze, Texte: Heinrich Stiewe

Zum nächsten Tag  –––>

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