22. Mai 2017

Stein- und Fachwerkbau im östlichen Belgien

Steinernes Kreuzstockfenster an einem Gebäude der Abtei Val Dieu
Heute steht eine Rundfahrt unter sachkundiger Führung von Coen Eggen durch das östliche Belgien mit einem erneuten Abstecher in die südlichen Niederlande (Provinz Limburg) auf dem Programm - von Eupen über die frühere Textilstadt Verviers zur Zisterzienserabtei Val Dieu. Verschiedene Dörfer und Bauernhöfe am Wege haben wir besucht - mit interessanten Stein- und Fachwerkbauten.

Ein erster Stopp gilt dem Dorf Kettenis, einem Ortsteil von Eupen. Im Gebiet Eupen-Malmedy, das bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zu Deutschland gehörte, gibt es bis heute einen großen deutschen Bevölkerungsanteil (Deutschsprachige Gemeinschaft), viele Schilder sind hier in deutscher Sprache. Das Bild der Städte und Dörfer wird von Steinbauten geprägt, Coen Eggen erklärt uns die vielfältigen Natursteinarten der Region, vom Blaustein aus Namur über den Mergelstein von Maastricht bis zu örtlichem Kalk- und Sandstein.
Straßenbild in Kettenis bei Eupen
Ein Blick in die gotische Kirche von Kettenis. Barocke Altäre und viele prächtig marmorierte Ausstattungsstücke wie die Kanzel bestimmen das Bild des katholischen Kirchenraumes.
Ein Fachwerkhaus der Zeit um 1610-30 in Eupen, Hufengasse 11. Das Gebäude hat eine kräftige Oberstockvorkragung und besaß ursprünglich einen Schwebegiebel (Freigespärrre) vor dem Giebel.
Die Stadt Verviers am Fluss Vesdre (deutsch: Weser!) ist von früher Textilindustrie und starker Bautätigkeit um 1900 geprägt und hat heute mit  den Folgen von Strukturwandel und Deindustrialisierung zu kämpfen. Im Bild ein Abbruchgrundstück in der Nähe der Kirche Saint-Remacle (1838, Turm im Hintergrund). 
Verviers, Rue de Reines 86. Das stattlichte Fachwerkhaus aus der Zeit um 1635 ist renovierungsbedürftig. Auffällig sind die langen, durch drei Geschosse reichenden Ständer und die zahlreichen Kreuzstockfenster.
Verviers, Straßenbild mit der klassizistischen Kirche Saint-Remacle von 1838. 
Steinhäuser im Dorf Charneux bei Verviers. Das rote Haus in der Mitte hat werksteingerahmte Fenster und stammt aus dem 17. Jahrhundert.
Die Zisterzienserabtei Val Dieu (Tal Gottes) bei Aubel (Prov. Lüttich) wurde 1216 gegründet. Nach der Säkularisation wurde das Kloster 1844 von Zisterziensern wiederbesiedelt, heute besteht hier eine zisterziensische Laiengemeinschaft, die u.a. eine Klosterbrauerei betreibt. Wir probieren den leckeren Apfelwein aus dem Kloster. 
Ein Blick in die neugotische Klosterkirche von Val Dieu, die 1884 geweiht wurde. 
In Gorhez, unweit des Klosters Val Dieu, zeigt uns Coen Eggen diesen stattlichen Bauernhof des 17. Jahrhunderts, einer der wenigen in der Gegend, der noch nicht restauriert ist. 
Das Wohnhaus ist ein mächtiger Backsteinbau mit Kreuzstockfenstern aus Kalkstein. Rechts ein wenig jüngerer Fachwerkanbau von 1668, der ehemals zahlreiche Fenster mit Bleiverglasung besaß.
In dem kleinen Weiler Saint Pieters Voeren besuchen wir einen Hof, der gerade restauriert wird. Die Backsteinfassade mit Blau- und Kalksteingewänden aus der Zeit um 1780 ist der jüngste Teil dieses Gebäudes. Links oben befindet sich ein Kragstein mit der Jahreszahl 1593...
Auch dieser runde Treppenturm mit einer hölzernen Wendeltreppe im Innern ist  im 16. Jahrhundert hinzugefügt worden.
Wir werden von dem Eigentümer Tom Molenaar (im gelben Hemd) begrüßt, der das Anwesen mit viel Sorgfalt, Engagement und Begeisterung restauriert.
An der Rückseite des Hauses sind mehrere Bauphasen mit unterschiedlichen Dächern zu erkennen. Als Kernbau verbirgt sich in dem Ensemble ein Fachwerkbau, der 1494 (d) datiert werden konnte.
Einer von neun Kaminen im Innern des Hauses, mit steinernen Kaminwangen von 1668. 
Kaminsteine aus Schamotte aus dem 16. Jahrhundert. Die Steine zeigen Reliefs  mit Wappen und szenischen Darstellungen, hier ein Reiter, der von einer Frau begrüßt wird. 
An einem Feldweg bei 's Gravenvoeren treffen wir auf die "Steenboskapel", eine Kapelle aus dem 19. Jahrhundert.
Im Mauerwerk der Kapelle finden sich verschiedenste Steinmaterialien, u.a. antike gallo-römische Mauersteine und Ziegel (Mitte). 
Hier pirschen wir uns an das nächste Objekt im Weiler De Plank heran, das Coen Eggen uns zeigen will.... 
... auf den ersten Blick ein Fachwerk-Bauernhaus mit Bruchsteinsockel und Backsteingiebeln, wie  es viele in der Region gibt. 
Die Inschrift über der Tür stammt aber von 1972 (!) und erhaltene Baupläne, die uns der freundliche Eigentümer zeigt,  bestätigen, dass das Gebäude erst 1971-72 erbaut worden ist - als privates Wohnhaus von Josef Weyns, dem Gründungsdirektor des belgischen Freilichtmuseums in Bokrijk. Weyns verstarb schon im April 1974, das Haus blieb unvollendet stehen, bis es der heutige Eigentümer vor wenigen Jahren erwarb. 
Nach dem heutigen Besichtigungsmarathon mit zehn Objekten braucht Heinz eine Abkühlung für seine geplagten Füße - Kneipp-Kur ist angesagt! 
Danach ist Heinz wieder so fit, dass er bei unserem gemeinsamen Abendessen den Kellner geben kann....
Letzte Station des heutigen Tages ist das Dorf Moresnet bei Plombières unweit des Dreiländerecks Belgien-Niederlande-Deutschland. An dem Dorf führt eine riesige Eisenbahnbrücke vorbei, der 1916 erbaute und 2002-04 restaurierte Göhltalviadukt, über den der TGV hinwegdonnert. Gegenüber der Kirche sehen wir dieses Fachwerkhaus des 17. Jahrhunderts, das das örtliche Handwerksmuseum beherbergt. 
Ein weiteres Fachwerkhaus mit Steingibel zur Straße entdecken wir neben der Kirche von Moresnet. 
Nach einem langen und erlebnisreichen Exkursionstag verabschieden wir uns von Coen Eggen, der uns noch einige Bücher zur weiteren Reisevorbereitung ausleiht. Wir bedanken uns mit Hausforscher-Büchern für die freundliche Begleitung und spannende Führung an den ersten beiden Tagen unserer Reise.

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