8. Oktober 2016

AHF-Tagung in Neustadt/Weinstraße – Wein und Bier und Exkursion zu mittelalterlichen Stadthäusern

Auf dem Marktplatz von Neustadt, links die Stiftskirche, daneben das Scheffelhaus, erbaut 1580
Der Arbeitskreis für Hausforschung (AHF) hatte vom 3. bis 6. Oktober 2016 zur Jahrestagung nach Neustadt an der Weinstraße eingeladen. Das Tagungsthema "widmet sich Gebäuden oder baulichen Anlagen, die mit der Herstellung, Lagerung und Distribution von Wein und Bier, aber auch anderer alkoholischer Getränke wie Branntwein und Likören in Beziehung stehen". Angekündigt war eine "anregende Tagung (...), in der inhaltliche und sensorische Erkenntnisse gleichermaßen vermittelt werden" sollten - wir waren gespannt.
Die ca. 80 TeilnehmerInnen bekamen 20 Vorträge zum Thema geboten; das Programm findet sich unter http://www.arbeitskreisfuerhausforschung.de/files/AHF-Mitt_88-neu.pdf. 
Tagungsort war das Casimirianum, die alte calvinistische Universität, 1578 von dem Pfalzgrafen Johann Casimir gegründet. Schon vier Jahre später wurde die Universität nach Heidelberg zurückverlegt, das erhaltene Gebäude dient heute als evangelisches Gemeindehaus.

Im Casimirianum, der früheren Universität von 1578 …
… fand die Tagung statt.

Die erste Exkursion führte die Tagungsteilnehmer in den nahegelegenen Ortsteil Haardt. Hier gibt es mehrere sehenswerte Weingüter und es bestand Gelegenheit zur Teilnahme an einer Weinprobe.

Repräsentatives Wohnhaus des Weinguts Mattern. Das im Kern renaissancezeitliche Gebäude …
… zeigt eine aufwändige Fassadendekoration mit Neurenaissance-Motiven.
Das Gutshaus des Weingutes Müller-Catoir ist ein Prachtbau
der Neorenaissance des späten 19. Jahrhunderts ...
... enthält aber auch noch ältere Bauteile und weitläufige Kelleranlagen des 17. bis 19. Jahrhunderts.
Schluss-Stein im Torbogen zum Kelterhaus
Was vom Pressen übrig bleibt, wird Trester genannt - daraus kann man Schnaps brennen.
Der Inhaber Philipp David Catoir begrüßt die Hausforscher
Führung durch den Weinkeller mit einem ersten Schluck Wein im Glas
Die repräsentativen Räume sind im Stil der Neorenaissance ausgestattet  …
… und mit wertvollen Biedermeier-Möbeln eingerichtet.
… und dann die Weinprobe – 10 Sorten – ein Wein besser als der andere …
… ein Genuss für die überwiegend aus dem
Norden der Republik angereisten "Weintester".
Vom Riesling über Grauburgunder und Muskateller bis zur Beerenauslese war alles dabei –
da fällt die Wahl schwer …
Nach der Weinprobe tut Bewegung an frischer Luft gut... zu Fuß geht es
hinauf zum Haardter Schlössel …
… und zur Burgruine Winzingen aus dem 11./12. Jahrhundert, die von einer romantischen Terrassen- und Parkanlage des 19. Jahrhunderts umgeben ist.
Von oben hat man einen schönen Blick in das pfälzische Rheintal und auf die Weinfelder (an den alten Steilhängen wird kaum noch Wein angebaut wegen mangelnder Maschinentauglichkeit)

Tag 2:
Hausbesichtigungen in Neustadt/Weinstraße

Das Scheffelhaus am Marktplatz 4 ...
... erbaut 1580, renoviert 1877, saniert um 1985.
Links neben der gotischen Stiftskirche das Rathaus,
ein klassizistischer Walmdachbau von 1828.
Fußgängerzone in der Hauptstraße
Hauptstraße 63: Reanaissance-Fachwerkbau von 1574 …
… mit Neidkopf und  verzierten Eckkopfbändern 
Besichtigung des Hauses Hauptstraße 51 (links),
zwei im Kern spätmittelalterliche Fachwerkhäuser
von 1350 und 1477 (d), im 17. Jh. vergrößert
und die Fassade erneuert.
Kehlbalkendach von 1350 (d)
Detail der Kehlbalkenanblattung mit Abbundzeichen des Zimmermanns,
kleine Vierecke, mit Stecheisen oder Kreuzaxt eingeschlagen.


Diskussion im Halbdunkel auf dem Dachboden
Rathausstraße 6, gotischer sog. Kubyscher Hof (Treppengiebel links)
und dreigeschossiger Renaissance-Fachwerkbau von 1570.
Im Innenhof: Fachwerk-Kastenerker von 1687, renoviert 1911


Handwerkerzeichen und Jahreszahl 1687 am linken Fenstergewände
Im  Innenhof Bauten vom 13. bis zum 19. Jh.
Geschnitzter Eckständer mit profiliertem Rähm, teilweise erneuert.
Laubengang von 1604
In den oberen Räumen gibt es in mehreren Räumen
nach Originalbefunden restaurierte Farbfassungen …
... die ausgiebig diskutiert werden.
Ein anderer Raum im Obergeschoss mit freistehender Stütze...
... und ockergelber Fachwerkbemalung mit roten und schwarzen Begleitern.
Reiches Zierfachwerk von 1580: Fenstererker am Scheffelhaus.


Hauptstraße 84, altes Rathaus mit Kernbau von 1589,
erneuert 1780-85 und 1888/89 zum Kaufhaus umgebaut…
… mit spätgotischer Maßwerk-Balkonbrüstung
Besichtigung des restaurierten Hauses Metzgergasse 3 …
… das Gebäude ist ein dreigeschossiges Fachwerkhaus von 1384 (d),
teilweise erneuert 1535, mit einer Fassade von 1604
Vorkragung zur Straßenfront
Fotoshooting-Termin …
… für die originale Fachwerkwand von 1380
mit Langständern und angeblatteten Strebe.
Im Haus muss man dem engagierten Eigentümer (rechts) gut zuhören
oder sehr genau mit den Augen auf Entdeckungsreise gehen
um die Gefügeschätze zu erkennen.
Frühere straßenseitige Vorkragung der ältesten Fassade von 1380.
Marktplatz 10, 1469 (d) errichtet und im 18./19. Jh.
sowie 1925 umgebaut.
Der dreigeschossige Fachwerkbau im Innenhof wurde
um 1424 (d) errichtet, der Treppenturm 1600 hinzugefügt …
… die Renaissance-Bemalung wurde nach Befunden von 1600 rekonstruiert.
Besichtigung des Hauses Hauptstraße 76 (hinten rechts, mit steilem Dach):
 ein dreigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus, hier von der Rückseite ...
Zimmermann und Bauforscher Uwe Rumeney erklärt
die statischen Probleme der mittelalterlichen
Fachwerkkonstruktion dieses Hauses -
sehr wirkungsvoll mit dem einfachen Mittel eines Zollstocks
Es gibt einen mittelalterlichen Kernbau von 1379 (d)
mit einer Erweiterung von 1685 (d).
Angeblattetes Kopfband des Kernbaus von 1379
Ein Blick in das sanierugnsbedürftige,
 aber sehr authentische Treppenhaus
Dachwerk von 1379 (d)
Das Gebäude ist ein Höhepunkt der Hausexkursion
in Neustadt/Weinstraße: ein unsaniertes, vollkommen
"naturbelassenes" Fachwerkgefüge "in freier Wildbahn" –
das lieben die Hausforscher!
Die Stadt lädt ein zum Wein und small-talk im Casimirianum.
Die Erkenntnisse des Tages werden beim Wein
im "Urgestein" – so heißt das Lokal – diskutiert
und Kontakte und Freundschaften gepflegt.

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