19. April 1999

„Erfolge und Mißerfolge obrigkeitlicher Einflußnahme auf das Bauen und Wohnen in Nordwestdeutschland im 18. und 19. Jahrhundert”

10 Jahre regionale Hausforschertreffen in Nordwestdeutschland

Wolfgang Dörfler, IGB Rotenburg/Harburg

Vierständerhaus, 1718, in Bestwig-Meringhausen. Foto: P. Berthold, Westf. Amt f. Denkmalpflege
Am dritten April-Wochenende haben wir ein spannendes Treffen unserer Regionalgruppe für Haus- und Gefügeforschung in Bad Fredeburg im Hochsauerland erlebt. 
Gastgeber war Dr. Thomas Spohn vom Westfälischen Amt für Denkmalpflege, der durch seine intensive Vorbereitung und mit einer klugen Diskussionsleitung für ein sehr anregendes Treffen gesorgt hat.
Der Tagungsort, die Deutsche Landjugendakademie, war ideal gewählt. Vor allem die Tatsache, daß wir alle dort Quartier nehmen konnten, öffnete den Raum für eine ungewöhnlich lange und fröhliche „Nach(t)diskussion”.
Die Vorträge

Folgende Themen wurden am Sonnabend unter dem Tagungstitel „Erfolge und Mißerfolge obrigkeitlicher Einflußnahme auf das Bauen und Wohnen in Nordwestdeutschland im 18. und 19. Jahrhundert” vorgetragen:
  • J. Amelung: Die innere preußische Kolonisation östlich der Elbe vor dem siebenjährigen Krieg. 
  • St. Amt: Das kurhannoversche Landbauwesen im 18. Jahrhundert. 
  • R. Buß „Blut und Boden” in der Wohnungsfrage die Gartenstadt Elmschenhagen-Nord der Kriegsmarinestadt Kiel 1939 – 45 (Kieler Blätter zur Volkskunde 28 und Gebaute Welten, 1997). 
  • Dr. Ch. Dautermann: Die Anfänge der Baugesetzgebung (In: Der Sachsenspiegel als Buch, 1991). 
  • Dr. K. Freckmann: Architekturtheorie und ländliches Bauen 
  • Dr. W. Fritzsche: Das riegellose Fachwerk in Nassau-Dillenburg – eine Verordnung wird durchgesetzt (Hausbau und obrigkeitliches Handeln, Diss. Weimar, 1997). 
  • Dr. U. Klages: Amtlich-restriktive Bauholzverweigerung und ihre – geringen – Auswirkungen auf das ländliche Bauwesen in der Nordheide im 16. – 18. Jahrhundert. 
  • J. G. Pollmann: Ernst Vinzenz Plaßmann – Landbaumeister im Herzogtum Westfalen 1809 bis 1835. 
  • Dr. W. Rüther: Zentraldirigismus als zündender Impuls auf der Suche nach neuen Raumlösungen? – Neues vom Gulfhaus in der Krummhörn. 
  • Dr. H. J. Rach: Zum Wandel der ländlichen Baupraxis in der Magdeburger Börde unter dem Einfluß der Reglementierung des 19. Jahrhunderts. 
  • M. Schimek: Staatliche Alkovenbekämpfung im 19. und 20. Jahrhundert in Nordwestdeutschland (In: Bettgeschichte(n) zur Kulturgeschichte des Bettes und des Schlafens, 1997). 
  • Dr. T. Spohn: Brand und Wiederaufbau sauerländischer Kleinstädte in hessischer und preußischer Zeit: Neheim 1807, Fredeburg 1810, Schallenberg 1822 und Rüthen 1834. 
  • C. Vorwig: Die Konzessionierung von Gaststätten im Hochsauerland im 19. Jahrhundert. 
Wie immer kann an dieser Stelle nur ein kurzer persönlicher Eindruck zu den Referaten vermittelt werden. Mit dem Thema hatten wir uns erstmals ausdrücklich von der „Haus- und Gefügekunde”, also der Analyse bestehender Gebäude und ihrer Umbauphasen, abgewandt und die Gesetzgebung, also das staatliche die Bauherren und -meister anleitende Prinzip, zum gedanklichen gewählt. Dieser „Traditionsbruch” wurde spätestens bei der Exkursion geheilt, bei der wir spannende, überwiegend als Ausläufer des niederdeutschen Hallenhauses zu bezeichnende, ländliche und kleinstädtische Bauten sahen.
Erstaunlich war hier die Stadt Fredeburg selbst, deren einheitliches schwarz-weißes Fachwerk überwiegend aus den Jahren nach 1945 stammt. Hier war nach den Kriegszerstörungen ein überwältigender Wille, am tradierten Erscheinungsbild festzuhalten, wirksam gewesen.

Schön war es, daß mit mehreren Vorträgen an bereits erschienen Publikationen angeknüpft wurde, die so die Neugierde auf die in der großen Zahl der Veröffentlichungen tendenziell versinkenden Untersuchungen weckte.

  • Das Thema der Alkovenabschaffung (Michael Schimek) sorgte für rege Diskussion über den Sinn dieser Maßnahme und ob etwa der Staat hier eine Rolle als Hüter einer allgemeinen „Volksgesundheit” übernahm.
  • Wolfgang Fritzsches Vortrag zum „riegellosen Fachwerk” bestach durch die enorme Materialfülle, die er für dieses Phänomen durchgearbeitet hatte und die er in seiner bereits gedruckt erschienenen Dissertation lebendig machen konnte. Besonders seine freimütig vorgetragene Motivation zur Durchführung der Untersuchung hat mich eingenommen, nämlich daß er einer borniert und ex catedra vorgetragenen Überzeugung von der Nichtdurchgesetztheit dieser Verordnung mit seiner Arbeit entgegentreten „mußte”.
  • Ein deutlicher Gegensatz zu der „handwerklichen” Hausforschung war das von Klaus Freckmann vorgetragene strukturalistisch genannte Herangehen zweier französischer Architekturtheoretiker über immerhin „le maison rustique”. Sein Vortrag war durch das von ihm in deutscher Übersetzung herausgebene Buch gleichen Titels induziert und auf vergleichbare Strömungen in Deutschland erweitert.
  • Wolfgang Rüther präsentierte uns zunächst ein neu erschlossenes Fragezeichen hinter seiner Überschrift; ihm war bei der Vertiefung des Themas klar geworden, daß weniger der zunächst vermutete „Zentraldirigismus”, als vielmehr der Mentalitätswandel in der Bevölkerung zu einigen auffälligen Nutzungsänderungen in den Gulfhäusern der Krummhörn geführt hatte. Zugleich konnten wir ihm, als langjährig auf unseren Treffen Vortragenden, zur erfolgreich abgeschlossenen Dissertation über das Gulfhaus gratulieren.
  • Von Carsten Vorwigs Vortrag über die Konzessionierung der Gaststätten ist mit vor allem die interessante, ja brisante Toilettenfrage spontan in Erinnerung geblieben.
  • Ohne die regional orientierten Vorträge über die Magdeburger Börde, das Oderbruch, sauerländische Kleinstädte und den bisher wenig beachteten westfälischen Landbaumeister Vinzenz Plaßmann geringschätzen zu wollen, möchte ich „geliebter Kürze” halber nur noch Ulrich Klages Vortrag erwähnen. Er hat als Nebenprodukt seiner jahrzehntelangen gefügekundlichen Recherchen die wenigen und äußerst verstreuten Hinweise auf obrigkeitliche Baubeeinflußung unter den besonderen Bedingungen des Meierrechts in der Nordheide bereits seit dem 16. Jahrhundert gesammelt. Sein unveröffentlichtes Referat zeigt, daß die Erstellung eines „Readers” zu diesem Treffen wirklich sehr wünschenswert wäre, ohne den damit verbundenen Aufwand zu unterschätzen.

Allen Hausforschern, die auf der Einladungsliste unseres Treffens stehen, werden ich mit der nächsten Post eine Zusammenfassung der Themen, Exkursionen und Vorträge der vergangenen zehn Jahre liefern, aus der – wenn auch nicht ganz vollständig – hervorgeht, welche Referate als Kurzfassung in Kopie zu erhalten sind und wo Vorträge unserer Treffen veröffentlicht erschienen sind.

Das nächste Treffen wird am 25. und 26. März 2000 in Breitenfelde Schleswig-Holstein auf Einladung der dortigen IGB-Außenstelle in Zusammenarbeit mit Prof. Frank Braun von der FH Wismar organisiert werden. Thema soll neben den Besonderheiten der Tagungsregion das „Bauen im 17. Jahrhundert” sein, wobei wir uns besonders zu den kriegsbedingten Auswirkungen neue und vertiefte Informationen erhoffen.
Sonnige Aussichten für die Hausforscher: (v. rechts) Volker Gläntzer, Wolfgang Rüther, Thomas Spohn, Hermann Stenkamp. Foto: W. Dörfler

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