31. Mai 2016

Im Vorland der Pyrenäen: Dörfer, eine Ziegelei und zum Schluss eine Bastide.

"Galet": Mauerwerk aus sorgfältig sortierten und teilweise im Fischgrätverband gesetzten großen Kieseln.
Heute steht das flache bis leicht hügelige Pyrenäen-Vorland auf unserem Programm. Thema sind die verschiedenen Materialien und Techniken des Wandaufbaus: Lehmsteine und Stampflehm (Pisébau), Mauerwerk aus großen Flusskieseln (Galet) und Backsteine. Morgens treffen wir Michel und unsere französischen Freunde in dem Dorf Sanous, hier besuchen wir eine stilvoll restaurierte Hofanlage aus dem 19. Jahrhundert.



Treffen in Sanous und Studium der Materialien, die die französischen Kollegen gewohnt sorgfältig vorbereitet haben.
Das Wohnhaus des Hofes in Sanous wurde 1876 erbaut und um 1900 aufgestockt und seitlich erweitert.
Die zugehörigen Wirtschaftsgebäude sind möglicherweise
etwas älter, ihre Renovierung ist noch im Gange.
Flach geneigtes Pfettendach über der Scheune.
Wir werden zu Kaffee und Kuchen in die Küche eingeladen.
Im Dorf Sabalos besichtigen wir einen weiteren restaurierten Hof. Das Mauerwerk aus großen, runden Flusskieseln (nach Größe sortiert!) und Kalk-Sand-Mörtel wird Galet genannt. Es ist ortsbildprägend im flachen Pyrenäen-Vorland.
Die Scheune mit ehemaliger Stallung ist im rechten Winkel an das Wohnhaus angebaut.
Das Dach des Wohnhauses: ein flach geneigtes Pfettendach mit Krummholz-Bindern.
Hier stoßen Pisébau (Stampflehmbau) und Galet (Kieselsteinmauerwerk) aneinander.
Dejeuner (Mittagessen) im Restaurant du Lac in Souses bei Tarbes.
Azereix (nicht Asterix!), ein großes und offensichtlich wohlhabendes Dorf im fruchtbaren Vorland der Pyrenäen. Marktplatz mit Kirche (links) und Mairie (Bürgermeisteramt und Rathaus von 1868) rechts. Am Giebel das bekannte Motto der französischen Revolution: Liberté, egalité, fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit).
Neben dem kleinen Haus ist der Eingang zur Schule (Ecole).
Der Architekt de Bousses erläutert uns seine behutsame Dorfplanung, die die historischen Strukturen respektiert und wieder sichtbar machen will.
Das Waschhaus neben der Kirche wurde 1864 erbaut und mutet römisch an:
Das zentrale Wasserbecken hat 60 Waschplätze für Wäscherinnen (Heinz hat sie gezählt!) und entspricht dem Impluvium (Wasserbecken) im Peristyl (Innenhof mit Säulen) eines römischen Wohnhauses.
Waschhaus und Kirche. Waschhäuser gibt es in zahlreichen französischen Dörfern.
Auch hier wieder: Galet, sorgfältiges Mauerwerk aus großen Flusskieseln.
Friedhof und Kirche in Azereix
In der größeren Stadt Tarbes besuchen wir eine stillgelegte Ziegelei, die frühere Firma Ostau & Cie., gegründet 1874. Die vier parallelen Gebäude enthalten mehrere Hoffmannsche Ringöfen, in denen um 1900 etwa 220 Arbeiter Backsteine, Dachziegel (Falzziegel) und vielfältige, farbig glasierte Ornamentsteine herstellten. Anders als in Deutschland hatte die Ziegelei offenbar keine Formsteine im Angebot. Die Anlage stellte um 1970 die Produktion ein, ihre ungewisse Zukunft ist ein heiß diskutiertes Thema in der Stadtpolitik von Tarbes.

Die vier Fassaden sind ein gebautes Musterbuch der Ziegelei: Sie sind mit roten und farbig glasierten Ziegeln in vielfältigen Ornamenten gestaltet, die Ortgänge mit Reliefsteinen und phantasievollen Bekrönungen geschmückt. 
Aber auch die Spuren des Verfalls sind unübersehbar.
Tunnelförmiger Brennraum eines von vier Hoffmannschen Ringöfen im Innern der Gebäude.
Daneben befindet sich eine große offene Halle.
Reliefplatten an der Traufe und farbig glasierte Ziegel auf dem Grat des Daches am ehemaligen Pförtnerhaus der Ziegelei.
Ein Nachfahre der Ziegeleibesitzer erläutert uns die Funktionsweise des Ringofens, der um 1850 von dem deutschen Ingenieur Hoffmann erfunden worden ist.
Zum Abschluss des Tages besuchen wir noch die kleine romanische
Kapelle St. Clamens (12. Jh.) im Feld unweit unseres Quartiers.
In den Quadern der Außenwände finden sich zahlreiche
Graffiti und Jahreszahlen von früheren Besuchern.
Auf dem Weg zur Kapelle überqueren wir diese alte
Bogenbrücke, die natürlich nicht undokumentiert bleibt.
Auch ein Taubenturm im freien Feld bei Mirande erweckt unsere Neugier...
Im Innern sind die zahlreichen Nisthöhlen für weit über 100 Tauben zu erkennen.
Nein, hier wird nicht der Italo-Western "Spiel mir das Lied vom Tod" nachgespielt... - Volker versucht nur, die Nisthöhlen im Innern des Taubenturms von unten zu fotografieren.
Zum Abendessen besuchen wir die nahegelegene Stadt Mirande, eine von etwa 400 "Bastiden" (befestigten Kleinstädten) aus dem 13. Jahrhundert in Südwestfrankreich - mit dem typischen, planmäßig angelegten gitterförmigen Straßenraster und einem quadratischen Marktplatz mit Arkadenhäusern ringsum. 

Das Zentrum der Bastide
Arkadenhäuser am Marktplatz und Fachwerk in einer Seitenstraße.
Fachwerkhäuser der Zeit um 1500 mit Andreaskreuzen und Backstein-Zierausfachungen.
Die gotischen Kirche hat zwei mächtige Strebepfeiler vor dem
Westturm, die mit einem riesigen Spitzbogen die Straße überspannen.
In diese Fensternische hat jemand mit Kreide eine Karikatur gezeichnet - frei nach Picasso...
Wir beschließen den Tag im Pyrenäen-Vorland mit einem vorzüglichen Abendessen in einem Hotel in der Altstadt von Mirande.

Fotos: Bernd; Text: Heinrich

Zum nächsten Tag  –––>

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